Barataria 112 Don Quijote der Polen, Deutschen und Rumänen

Im Februar ging ich zur Berliner Buchpremiere des neuen Romans von Matthias Nawrat, Der traurige Gast (Rowohlt 2019).  Das ist er, der Erzähler, der zwar nicht mit dem Autor identisch ist, aber ihm so nah steht, wie der neurastenische Marcel in Auf der Suche nach verlorener Zeit dem Marcel Proust selbst steht. Ein in Polen geborener Schriftsteller, der mit den Eltern und dem Bruder irgendwann in der Kindheit nach Deutschland ausgewandert (West Deutschland wohl bemerkt) und dann, schon alleine, aus dem Westen nach Berlin gezogen ist… Er ist dieser trauriger Gast, der nur kommt, hört, und geht, beobachtet und aufschreibt, den so oft Unmut oder gar Ärger befallen, wenn er weg geht, oder dass er weg geht, gehen muss, gehen will und ein oder zwei mal gar gegangen wird.

Ab der Seite 158 kommt eine Episode, in der er den Don Quichotte trifft.

Er war gerade bei einer gewissen Tecla Martin zu einer privaten Lesung. Und gerade ist sehr zeitnah, irgendwann im Jahre 2018…

Als sich die Wohnung nach der Lesung leerte, blieb eine Gruppe von Leuten in der Sofaecke im Arbeitszimmer sitzend und schien sich gerade als ich den Raum betrat, heftig zu streiten.

Ich setzte mich in einem Sessel. Der Streit war abgeklungen, und der Mann direkt neben mir, der um die fünfzig sein musste, fragte mich, mit wie viel Jahren ich Deutsch gelernt hätte.

Siehst du!, rief er einem anderen zu, nachdem ich geantwortet hatte. Wir haben hier schon seit Jahren die Diskussion, ob man eine Sprache so gut wie eine Muttersprache erlernen kann. Dieser Idiot behauptet, dass das nicht geht, nur weil er selbst, obwohl er in Rumänien aufgewachsen ist und es seine Schulsprache war, Rumänisch spricht wie ein Mann mit gebrochenen Beinen.

Wie spricht denn ein Mann mit gebrochenen Beinen Rumänisch? fragte der andere. Er war schlank und wirkte nobel und irgendwie bescheiden.

Wie ein Idiot eben, sagte der andere, der kräftig war und sich breitbeinig zurücklehnte.

Ich habe ohnehin nur mit geschriebener Sprache zu tun, sagte der Schlanke. Er erhob sich und beugte sich über den Tisch und gab mir eine weiche, schmale Hand. Ich heiße Hermann, sagte er. Ich bin, sagte er, Übersetzer von, leider, nur Handbücher und Reiseführern. Früher habe ich Gedichte übersetzt. Kennen Sie Mircea Kammerer? Den zu übersetzen habe ich zum beispiel die große Ehre gehabt. Er hat Rumänisch geschrieben. Aber er sprach auch Deutsch. Er stammte aus demselben Dorf im Banat wie ich und hat mit mir in Bukarest studiert.

Die beiden streiten immer, du musst nichts drauf geben, sagte eine Frau, die sich als Karoline vorstellte.

Wir streiten nicht, wir diskutieren, sagte der Kräftige. Auch er gab mir die Hand und stellte sich als Eli vor.

Ich sage immer, dass man seine Vergangenheit nicht verschweigen soll, sagte er. Ich habe mein halber Leben darunter gelitten, dass ich Deutsch sprach. Die zweite Hälfte über habe ich unter meinem rumänischen Akzent gelitten. Aber heute ist mir alles egal. Ich erzähle heute auch jedem, dass mein Vater Nazi war und gejubelt hat, als Wehrmacht nach Kronstadt kam. ich habe sogar ein Hörspiel darüber gemacht. Ich bin Schauspieler, ich habe schon an jedem Theater in Europa gespielt. Ich weiß, wo es welche Tabus gibt, aber es ist mir egal. Du bist, was du bist, weil du kommst, woher du kommst. Und irgendwann musses dir egal sein, du musst irgendwann lernen, darauf zu scheißen. ich bin fünfzig, ich rauche täglich dreißig Zigaretten, ich gehe spät schlafen, ich suche mir Regisseure, mit denen ich arbeiten will, aus, und wenn ich jemand verlogen finde, dann kann er mich mal. Und wenn ich einen Akzent habe, dann habe ich einen Akzent.
Dein Akzent ist herrlich, Eli, sagte Karoline.
Du bist halt ein Sachse aus dem 12. Jahrhundert, sagte Tecla.
Dann bin ich eben das, na und?, sagte Eli. Wenigstens bin ich kein Banater wie unser Akademiker hier, der weder Rumänisch noch Deutsch noch Ungarisch kann, weil er nur zu Hause herumsitzt.
Ich bin doch hier, sagte Hermann.
Wir sind alle hier, sagte Eli. Erklär lieber noch mal, was der Unterschied zwischen dem Banater Deutsch und dem Siebenbürgener Deutsch  ist, wenn sie angeblich so unterschiedlich sind.
Sie sind vollkommen unterschiedlich.
Und trotzdem sitzen wir hier und unterhalten uns, oder? Ich mache demnächst ein Ein-Mann-Stück über dich. Mit dem Titel Der Übersetzer. Es wird darin um einen einsamen Don Quichotte gehen, der die Sprachen retten will und deshalb täglich zu hause sitzt, damit sein Dialekt ihm nicht verloren geht.
Ich übersetze Reiseführer.
Ja eben.

Und so weiter…

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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