Frauenblick. Petersburger Hängung

Monika Wrzosek-Müller

Sammlung Hoffmann

Es war die „Petersburger Hängung“; der Begriff ist ihr im Ohr geblieben. Da nahm ihre Aufmerksamkeit zu. Eine Freundin hatte die hohe Wand in ihrer Wohnung mit den unbeholfen aufgehängten Bilder betrachtet und, da sie freundlich sein wollte, sagte sie: Ach, Petersburger Hängung. Es war aber eigentlich eine bunte Mischung aus allen möglichen Bildern, die sie an diese Wand gehängt hatten, in unregelmäßigen Abständen, von verschiedener Couleur, Größe und Techniken, nicht immer zueinander passend, doch insgesamt irgendwie die Wand bedeckend. Sie wollte diese weißen, hohen Wände füllen, ihre Wohnung heimischer und gemütlicher gestalten.

Das zweite Mal hörte sie den Begriff: Petersburger Hängung kurz darauf in der Sammlung Hoffmann, während einer Führung, fast gleich im ersten Raum der neuen Installation von Joelle Tuerlinckx. Man stand in einem Raum, der von ausgeschnittenen Kartons verklebt war, die wiederum deutliche Spuren der roten Farbreste trugen, so als ob sie Schablonen für rote Bilder wären. Sie bildeten eine Art von Tapete, die die Wände bedeckten. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine umgestaltete Installation des Roten Zimmers handelte, die die Künstlerin für die Ausstellung in der Eremitage in Sankt Petersburg geschaffen hatte. Hier, für die Sammlung Hoffmann, hat sie die roten Kartons umgedreht; geblieben waren die weißen Flächen mit roten Rändern und Ausschnitten für die dort vorhandenen Gegenstände an den Wänden: Steckdosen, Lichtschaltern, Röhren, Heizung und offensichtlich auch irgendwelche Bilder. Sie hat es in Petersburger Hängung arrangiert. Die Fenster wurden mit roten Kartons von außen verklebt, so als ob das Rot das Licht am Eindringen in die Räume hindern würde. Der Raum übt eine starke Wirkung auf den Betrachter aus; eben politische Kunst, wie viel konnte man mit so einfachen Mitteln ausdrücken, wie viel hätte man in so einen Raum hinein interpretieren können.

Es ist eine Besonderheit der großen Städte, der Metropolen, dass man sich private Sammlungen anschauen darf. In Berlin sind gleich mehrere solche Plätze vorhanden: neben der genannten Sammlung Hoffmann, der Boros-Bunker, die Camaro-Stiftung, das Atelier der Malerin Jeanne Mammen und viele andere.

In die Sammlung Hoffmann gelangt man durch die Hackeschen Höfe, sie befindet sich in den Sophie-Gips-Höfen, in einer ehemaligen Fabriketage, sehr schön restauriert, nicht überrenoviert, sondern so, dass das Alte gerade noch herausgeholt und wohnlich gemacht wird. Die Sammlung nimmt die 3., 4. und Teile der 5. Etage ein. Man fährt mit dem Lift nach oben und landet in großen, lichtdurchfluteten oberen Räumen der Fabrik; die übergroßen Filzpantoffeln, die man über die eigenen Schuhe ziehen soll, erinnerten sie sofort an die Klassenausflüge in die Warschauer Museen, wo das früher immer der Fall war, man schützte die Böden und polierte sie zugleich, auch wurde wahrscheinlich so der Staub abgewischt. Damals versuchten wir mit den Filzpantoffeln über die Flächen, wie mit den Schlittschuhen zu gleiten, wer kam als erster an, wie weit konnte man mit Schwung rutschen.

Die Sammlung – das sind zugleich Ausstellungs-, Wohn- und Arbeitsräume der Familie. Für den Besuch muss man sich anmelden und eine Führung buchen, damit die Leitung der Sammlung auch den Überblick hat, wie viele Menschen darin unterwegs sind. Jedes Jahr wird die Ausstellung neu konzipiert und trägt jeweils einen interessanten Titel und wird unter einem Aspekt arrangiert. Die diesjährige läuft unter dem Titel „Zweifel“. Die Geschichte der Sammlung war für sie interessant; auch wenn man das meiste im Internet nachlesen kann, erzählte der junge Mann, der sie durch die Räume führte, Folgendes: Sie ist in den 60er Jahren entstanden. Da begannen Erika und Rolf Hoffmann Werke meist befreundeter Künstler zu kaufen. Nach dem Verkauf des Unternehmens, in den späten 80er Jahren, steigerten sie ihr Engagement für die Kunsteinkäufe deutlich. Mit der Wiedervereinigung wollten sie aktiv am Prozess der Einigung teilnehmen und es gab die Idee einer Kunsthalle in Dresden, sie sollte nach einem Entwurf von Frank Stella gebaut werden. Zum Glück für Berlin und zum Nachteil für Dresden wurde diese Idee nicht realisiert. 1994 fanden die Hoffmanns eine leer stehende Fabrik, die sich dem Ziel der Unterbringung der Sammlung und als Wohn- und Arbeitsräume eignete. Ab 1997 ließen sie an jedem Samstag auch die Öffentlichkeit an ihrer Sammlung teilhaben. Im März letzten Jahres hat Erika Hoffmann die Sammlung doch den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geschenkt. Bis 2022 bleiben Teile der Sammlung mit immer wechselnden Ausstellungen zu verschiedenen Themen doch in Berlin zugänglich.

Der Titel „Zweifel“ erlaubt alle möglichen Formate der Kunst vorzustellen, zwingt jedoch den Betrachter noch mehr zum Nachdenken. Die Führung beschränkt sich jeweils auf ausgewählte Objekte und dauert meistens nicht länger als anderthalb Stunden. Der Eingang mit der umgedrehten roten Tapete wurde bereits erwähnt. Vieles weitere lässt zweifeln, manchmal lächeln oder gar schmunzeln, das ist hier auch Programm. Besonders herausfordernd fand sie einen Künstler der die Werke, Bilder oder Fotografien anderer Künstler einfach übermalt hat. Arnulf Rainer fordert den Betrachter sehr heraus, indem er z.B. im Bild „Schwarze Zumalung“ Selbst begraben einfach fast das ganze Bild schwarz übermalt, überlässt nur ein helles Zipfelchen des alten Werk sichtbar. Was kann uns mehr zum Zweifeln bringen, oder ein Werk von Bruce Nauman Hanging Cat – die plastische Nachbildung eines abgeheueten Tieres, die von der Decke hängt.

Ein Wohnzimmer mit der Nr. 17 hat ihr sehr gut gefallen; ein Triptychon von Sean Landers hängt an einer Wand und erzählt über Meerwasser, das sich den Gesetzen der Physik entzieht, und auf der gegenüber liegenden Wand seine zwei riesigen Ölwände mit den Titeln: The Ether of Memory und Looking für Mr. God Bar. Der Künstler schreibt seine Gedanken mit dem Pinsel dicht und erstaunlich gleichmäßig auf Englisch auf die Leinwand über seinen Zustand, Gedanken und Gefühle auf (das zweite Gemälde angeblich sehr erotisch). Sowohl die Bilder vom Meer als auch die mit seinen Notizen haben etwas beruhigendes, monotones fast meditatives in sich und zugleich zweifelt man an ihrer äußeren Schale; beim näheren Hinsehen wird klar, dass das Meerwasser und die Wellen nie so schlagen und die Notizen sehr aufgewühlte Zustände beschreiben, alles ist anders, als auf den ersten Blick erscheint…

Auch die mehr privaten Räume, wie das Wohnzimmer mit dem Kamin eigerichtet mit echten Mies van der Rohe Möbeln, Barcelona Sesseln und Liege, einem Glastisch und Vitrine sind wunderschön. Die Wand hoch ist mit Acryl-Farben von Katharina Grosse gesprayt und harmoniert wenigstens von der Farbgebung mit zwei großen Acryl-Gemälden. An der seitlich liegenden Wand ist ein Gebilde von Frank Stella zu sehen: Of Whales in Paint, in Teeth, in Wood, in Sheet Iron, in Stone, in Mountains, In Stars (Moby Dick Series) aus bemalten Aluminium; es sieht wie ein bunter, ästhetischer Drache aus. Im Esszimmer bestaunt man wunderbare Lampen (4) von Bauhaus und Esstisch mit Stühlen von Eero Saarinen und ganz feines Teegeschirr in einer Glasvitrine.

Eine andere Art von Kunst bringt das Projekt von Katarzyna Kozyra, einer polnischen Installationskünstlerin, die einen langen Film Looking for Jesus/Szukając Jezusa in Jerusalem gedreht hat, der sich hauptsächlich mit dem Thema oder dem Phänomen des Jerusalem-Syndroms beschäftigt. Den Film hat sie in der Sammlung leider nicht gesehen, doch Kozyra ist für sie eine so gute Künstlerin, dass sie sich sofort im Internet alles Zugängliche angesehen hat. Kozyra hat sechs Jahre lang immer wieder mit Menschen in Jerusalem und Umgebung gesprochen, die sich für Jesus halten, sie hat dann das Material zusammengeschnitten und auf 73 Minuten gekürzt. Die Menschen berichten von ihrem Leben, Glauben und dem Platz des Glaubens, der Religion in ihrem Leben und in der heutigen Welt von den Werten, die ihnen wichtig sind. In einer der Szenen, die auf dem Trailer zu sehen ist, hören wir folgenden Dialog: „Are you Jesus or you think you are Jesus?“ – „Yes, I am Jesus“- „So we have to follow you“, und wir sehen wie der Mensch flüchtet und die Künstlerin ihn verfolgt. Bei einigen Treffen mit polnischen Zuschauern erzählt Kozyra, wie sie ihre Helden gefunden hat und warum sich für sie dieses Projekt zu einem Mammut-Projekt entwickelt hat. Sie sagt, natürlich ist das nicht objektiv, sie filtert alles durch ihr eigenes Interesse und ihren eigenen Willen, eine Antwort zu finden. Doch das, was wir sehen, ist ein gewaltiges Bild und ein Dialog über Religion und Glauben. Im heutigen Polen, gerade jetzt, nach mehreren Filmen über die Katholische Kirche und Missbrauchsfälle in der Kirche, müsste es mit sehr großem Interesse verfolgt und aufgenommen worden sein. Leider hat sie nicht am Treffen zwischen Erika Hoffmann und Kozyra teilgenommen, das am 24.01. 2018 stattfand, als der Film zum ersten Mal in der Sammlung gezeigt worden ist. Da wäre ihr wahrscheinlich klar geworden, warum diese Installation unter dem Titel der Ausstellung „Zweifel“ läuft.

Viele Räume hat sie nicht gesehen und sie nimmt sich vor, sie beim nächsten Besuch doch zu betreten (wenigstens), was sie Allen empfiehlt. Bis 2022 haben wir noch Zeit!

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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