Erinnerungen einer Betreuerin

Das Thema ist plötzlich „in” geworden, obwohl es schon seit Jahren gang und gäbe ist, dass die Polinnen, die vorher als beste Putzfrauen galten (je besser ausgebildet, desto intelligenter putzten sie auch), sind in Deutschland heutzutage vor allem als Betreuerinnen (opiekunki) von alten und kranken arbeiten. Seit ein paar Jahren berichtet unsere Autorin, Łucja Fice, darüber, wie es ist, in Deutschland als „opiekunka” zu arbeiten.

Łucja Fice

Seit meinem ersten Auslandsjob sind zwei Jahre vergangen. Ich spürte alle diese Tage, Wochen, Monate, diese in fremden Häusern langsam verstreichende Zeit in den Knochen. Meine Wirbelsäule neigte sich wie ein angebranntes Streichholz. Zuweilen hatte ich den Eindruck, dass mir durch das schwere Schleppen ein Buckel wächst und ich genauso einschrumpfe, wie meine Pfleglinge. Die Sehnsucht nach Hause ließ nicht nach.
Als ich im Bus die verschiedensten Geschichten über die Probleme der Pflegerinnen anhörte, die ganz Deutschland auf der Suche nach Arbeit durchquerten, war ich heilfroh, dass ich fähig bin, mich an jede Familie anzupassen und dass mir Krankenpflege Freude bereitet.

In der Nähe von Augsburg

Begrüßt wurde ich von einer sympathischen Koordinatorin, die zusammen mit der Frau, die ich pflegen sollte, zum Bahnhof kam. Evelyn, so hieß die Frau, reichte mir einen Strauß bunter Feldblumen. Das war unsagbar rührend, das gab es noch nie, dass mich jemand so zum Arbeitsbeginn willkommen hieß. Nach der offiziellen Vorstellungszeremonie hat Evelyn die Koordinatorin und mich zum Mittagessen in ein Restaurant eingeladen. Ich begriff nicht, warum eine Siebzigjährige, die in guten Restaurants verkehrt und sich ohne Krücke oder Rolli bewegen kann, eine Betreuerin benötigt. Aber ich dankte dem Himmel
dafür und betrachtete es als einen Glückssegen. Ich fühlte mich, als ob dicht hinter mir Engel mit Rundschildern und Säbeln an der Seite stünden. So gegen fünfzehn Uhr kamen wir dann in Evelyns Haus an. Wir fuhren zuerst einige Haltestellen mit der Straßenbahn und nahmen dann den Bus in eine Vorstadtsiedlung. Unterwegs wurde ich über Ausgehmöglichkeiten und Sehenswertes in Augsburg informiert.
„Das ist das Mozart-Museum” – sagte Evelyn – „und hier, sieh’ mal das Denkmal des Stadtgründers Kaiser Octavius Augustus. Du kannst jeden Tag in die Stadt fahren.”
Die Stadt hat mich bezaubert. Ich dachte: „Ich möchte länger hier bleiben.” Die Aprilsonne, die vielen Menschen auf den Straßen, lächelnde und lebensfrohe Deutsche. Das alles machte mich neugierig, ich wollte mehr sehen und länger an diesem Ort bleiben.

Deutsches Pflegeheim

Mit der Vier waren es vom Augustus-Denkmal nur drei Haltestellen. Ich sollte am renaissance-barocken Dom vorbeigehen, dann an der Gefängnismauer links und dann rechts abbiegen, das Pflegeheim sollte sich am Ende der Straße befinden. Wie soll ich es finden, wie komme ich hin? Meine Angst wuchs. Ich hatte Recht, die Häuser waren mit geraden Zahlen nummeriert und das Pflegeheim hatte die Nummer neunzehn. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite zog sich eine Parkanlage. Um das richtige Gebäude zu finden, musste ich eine Frau ansprechen, die gerade vorbeilief.
„Ich will auch dahin. Das Haus hat zwei Nummern. Die Achtzehn ist vorne, die Neunzehn steht daneben, das täuscht.”
Da ist es. Ein großes, rotes Backsteinhaus. Die Tür hatte eine Photozelle und ging geräuschlos auf. Ich betrat die Eingangshalle, die in einen großen Salon überging, der beinahe das gesamte Erdgeschoss einnahm. Auf dem hellen Parkett lag ein bunter Teppich. Alles andere, die Wände, die Sessel und die Sofas waren schneeweiß. Ich fühlte mich, als besuchte ich einen Palast. Hinter den riesigen Fenstern sah ich eine Terrasse und einen Rasen. Dann vernahm ich ein piepsendes Mäusestimmchen:
„Sei uns willkommen Königin, sei willkommen”.
„Mama!” – erklang eine andere Stimme hinter meinem Rücken. – „Das ist keine Königin”.
Die Demenz der alten Dame tat, dass ich mich wieder in der reellen Welt einfand. Ich nahm den Fahrstuhl und fuhr in den vierten Stock. Im Betreuerzimmer, das grausig grellgelb angestrichen war, fragte ich eine Frau im blauen Kittel nach Evelyn und ihrem Mann. Sie trank Kaffee. Den Becher hielt sie in beiden Händen, als würde sie sie wärmen wollen. Ich hätte in diesem Moment eine Handvoll abstumpfender Medikamente gebraucht, um mir die Angst zu nehmen. Ich hörte: „Einen Moment.” Die Frau drehte sich um und trat an eine andere, junge, brünette Frau, deren Ohr am Handy klebte. Ihren Hinterkopf schmückte ein charakteristisch geflochtener Dutt. Sie hatte einen strahlend weißen Kittel mit einem dunkelblauen Kragen und genau solchen Manschetten an. An ihrer Brust steckte ein Namensschild. Sie stach von den anderen ab. Sie war schlank wie eine Gerte und wirkte sehr vornehm. Die Frau, sie war knapp dreißig, unterbrach das Gespräch sofort. Unsere Blicke kreuzten sich. Einen Moment kurz war ich konsterniert, ich wusste nicht, worum es geht.
Die Frau ging in den Flur, reichte mir ihre Hand und stellte sich auf Polnisch
vor:
„Ich heiße Alicja. Ich bringe Sie zu Evelyn.”
Sie hatte regelmäßige Gesichtszüge, war sehr hübsch und der Kittel kleidete sie.
Sie sah schick aus. Unterwegs erfuhr ich, dass sie seit neun Jahren in Augsburg wohnt.
„Ich bin gleich nach dem Abi hierhergezogen, als ich erfuhr, dass junge Polinnen in Pflegeheimen eingestellt werden. Ich wollte ein Jahr arbeiten und dann hier studieren. Augsburg ist für Studenten DER Ort in Deutschland. Ein Paradies. Wirklich! Und so blieb ich bis heute hier und habe keine Lust, nach Polen zurückzukehren. Es ist ein exklusives Pflegeheim und der Verdienst ist ebenso exklusiv.”
Ihre Stimme klang wohl. Sie war sozusagen eine Ergänzung ihres guten Aussehens.

„Sie konnten also Deutsch, als sie herkamen” – stellte ich fest.
„Ja. Ich habe schon als Kind Deutsch und Englisch gelernt. Meine Klassenkameradinnen sind nach England und ich habe mich für Deutschland entschieden. Und ich habe es nie bereut. Als ich hier zu arbeiten begann, war mein Deutsch gut, aber nicht perfekt. Ich bekam aber den Job. Für ein halbes Jahr haben sie für mich die Warmmiete übernommen.
„Mein Gott! Die Polen sind überall in Europa. Auf der Straße habe ich auch die polnische Sprache vernommen. Es ist nett, aber auch beängstigend, wir sind ja nicht im Urlaub hier” – entgegnete ich.
„Und Sie arbeiten hier seit neun Jahren?”
Die Frau lächelte.
„Nein! Ich habe meinen Traum verwirklicht, nur ein wenig anders.” Ich sah in ihr
junges, hübsches Gesicht. Es strahlte Wärme und Güte aus, aber ich machte mir
keine genaueren Gedanken darüber, ich konzentrierte mich mehr auf ihre Antwort.
„Ich wollte Betriebswirtschaft studieren, habe aber meine Pläne schon nach einem Jahr Arbeit mit den Seniorinnen geändert. Ich habe Medizin, Fachrichtung Geriatrie studiert und bin hierher zurück. Ich bin Ärztin. Seit einem Jahr” – fügte sie hinzu.
Erst jetzt verstand ich, warum sie einen andersfarbigen Kittel trug und sah auf
ihr Namensschild: „Alicja Augustyn – Ärztin für Geriatrie”. Ich lächelte. Ich
begriff, woher die Sympathie für diese Stadt stammen könnte, ich fragte jedoch
nicht nach dem Zusammenhang.
Wir hielten vor der Tür zum Zimmer 402, wo auf einem goldfarbenen Schild der
Vor- und Nachname eingraviert war und die mit einem Foto versehen war.
Doz. Dr. habil. Rudolf Hankel.
„Das ist Evelyns Ehemann” – sagte Alicja und schaute mich an. Erst da bemerkte ich das zarte Makeup, das ihre natürliche Schönheit unterstrich.
„Ja. Ich weiß.”
Bevor sie die Tür öffnete, legte sie den Finger auf die Lippen. Ich sollte mich
still verhalten.
„Evelyn kommt sehr oft her. Seit zwei Jahren schon” – flüsterte sie.
„Schauen Sie sich das an. Evelyn schläft auf dem Sofa. Sie ist Diabetikerin, sie nimmt es aber mit den Medikamenten nicht besonders genau. Wenn sie besuchsweise hier ist, sorgen wir auch für sie. Ihr wurde der Vorschlag gemacht, dass sie zusammen mit ihrem Mann hierher ziehen kann, sie würden dann ein größeres Apartment bekommen, aber sie wollte es nicht. Abends fährt sie immer nach Hause” – Alicja sagte das alles flüsternd.
Und dann ließ sie mich allein.

Ich passierte den Flur mit einem großen Spiegelschrank und betrat das Zimmer. Die Sonnenstrahlen spendeten dem Raum Helligkeit. An einer der Wände stand ein Krankenbett und daneben eine Kommode mit Schubfächern. Auf der anderen Seite – ein bequemes Sofa aus braunem, echtem Leder, auf dem unter einer Decke Evelyn schlummerte. Am Fenster stand ein recht großer Tisch mit vier Stühlen. Auf einem der Stühle saß ein noch gar nicht so alter Mann mit warmem Blick und dem Lächeln eines
zweijährigen Kindes. Er legte Knöpfe aus einer Schachtel in die andere. Früher las er Theologie an der Augsburger Uni. Die Demenz verwandelte diesen riesigen Mann in einen hilfslosen Jungen. Sie schnappte ihn sich, als er in die wohlverdiente Altersrente ging und endlich entspannen hätte können.
Ich hatte das Gefühl, als ob die WAHRHEIT auf der Seite der parallelen Welt läge und als ob die Realität, die ich sah, überhaupt nicht existieren würde, als wäre es nur ein Produkt der wuchernden Phantasie.
„Mein Gott! Wie wehrlos dieser Mensch doch ist. Du hast ihm ja den Verstand genommen. Tust du mir dasselbe an? Du hast mich doch nicht mit Willen, Gewissen und Moral beschenkt, um sie mir wieder wegzunehmen. Wie dringt man zur WAHRHEIT vor? Ich bin in mich gegangen, um die Antwort auf die quälende Frage zu bekommen: Warum ist diese WAHRHEIT immer unbekannt?
Ich überlegte, warum ich immer noch die Lust hatte, nach ihr zu suchen. Ich erinnerte mich an die Worte meines Mannes: „Weib, du zerkloppst dir irgendwann den Kopf bei dieser ewigen Wahrheitssuche”. Ich erinnere mich auch, was ich ihm darauf entgegnete: „Aber ich habe eine Tür in dieser Mauer gefunden und versuche, sie jetzt aufzumachen und habe keine Absicht, die Freude durch Schlüsselsuche entbehren zu müssen. Ich riskiere doch nichts, wenn ich es probiere.”
„Warum stehen wir Krankheiten und Tod alle so hilflos gegenüber?” – dachte ich, als ich mich in dem Spiegel über dem Tisch ansah. Dieser Spiegel machte, dass ich wie seelenlos dastand und mein Spiegelbild anglotzte: Ich sehe ziemlich menschlich aus. Ich bin ein Homo sapiens, obwohl ich mich nicht viel vom Homo erectus unterscheide. Ich bin wie ein fellloser Fleischfresser, wie ein sprechender Affe, der Gedichte schreibt. Wie viel Mensch und wie viel Tier steckt in mir? Jedenfalls ist meine Gattung merkwürdig. Wer bin ich in Wirklichkeit? Was ist mit dem freien Willen? Mit der Moral? Ein lautes, langgezogenes Aufschnarchen Evelyns riss mich aus diesen Gedanken und ich landete wieder in der Realität.
Ich hatte so meine Bedenken, als ich mir den spielenden Doktor habil. ansah. Vielleicht sollte man ihm einige Astroglia einflechten und das Erinnerungsvermögen blüht wieder auf, wie nach der Berührung von ET und die Neuronen wachsen nach? Die Astroglia, die Gliazellen im zentralen Nervensystem, in welchen unsere Gedanken, unser Erinnerungsvermögen und unsere Vorstellungskraft stecken, sind doch die Grundlage für das Überleben unserer Gattung. Warum bin ich keine Wissenschaftlerin? Diesem Genre würde ich gern mein Leben widmen – philosophierte ich. Ich wandte mich von dem
Spiegel ab und sah auf den Mann. Gut, dass du nicht mehr verstehst, dass das Leben eine sehr gefährliche Beschäftigung ist und die Todesrate bei 100 Prozent liegt – sagte ich, halb zu ihm, halb zu mir, selbstverständlich auf Polnisch.

Ich habe es nicht einmal bemerkt, dass am Fenster ein Patientenlifter, am Sofa eine weitere hohe Kommode mit einem Flachfernseher und Rähmchen mit Bildern standen. An der Wand mit dem Bett hing eine Reproduktion der „Sonnenblumen” van Goghs. Das Bad war ganze fünfzehn Quadratmeter groß und mit allen möglichen Geräten ausgestattet, die alten, kranken, gebrechlichen Menschen das Leben erleichterten. Die Sauberkeit war bestechend. Hier herrschte bereits das 22. Jahrhundert. Ich dachte an das polnische staatliche Pflegeheim, wo ich kurz gejobbt hatte. Dort gab es keine Patientenlifter. Unsere
Pflegeheime unterscheiden sich leider von den deutschen. Aber was soll’s. Ich kann es nicht ändern und ich verfüge auch über keine göttliche Macht, um dem Ehemann Evelyns seinen Verstand zurückzugeben. Also soll wenigstens sein Herz unter den Rippen pochen, soll er doch frische Luft atmen und möge ihm das Essen schmecken – ich bemühte mich um reine Gedanken.
Ich weckte Evelyn. Wir fuhren nach Hause. Vier Haltestellen mit der Straßenbahn, einige mit dem Bus und ein Stück zu Fuß. Wir begegneten ihren Bekannten, die uns mit Grüß
Gott grüßten. Nicht etwa mit guten Abend, sondern genauso, wie die Katholiken in Polen einander grüßen. Im Süden Deutschlands ist es so üblich. Finde ich nett. Sogar Kinder grüßten uns inzwischen so. Obwohl es noch gar nicht schwer war, legte sich Evelyn nach dem Abendessen und nachdem sie eine Handvoll Medikamente und eine Dosis Insulin nahm, ins Bett.
Ich hatte frei. Ich strickte bis in die späte Nacht. Ich begann, den Pflegerinnen aus dem Bus zu glauben, dass es doch angenehme und leichte Verträge gibt. Ich erinnerte mich an einen Traum, in dem mich mein verstorbener Bruder besuchte und sagte: „Setz dich hin und entspanne”. War es etwa an der Zeit? Sollte sich auch dieser Traum bewahrheiten? Ich habe es noch nicht ganz geglaubt, da ich mir alles im Leben schwer erkämpfen musste. Dieses Gesetz bewährte sich immer. Das ist Gabis Satz, übrigens nachgewiesen.

Anfänge

In Deutschland fühle ich mich wie in der Schule, wo man mir das Bügeln, Einräumen, Saubermachen, Putzen und Kochen aufs Neue beibringt, aber diesmal auf Deutsch. Die Häuser, in welchen ich arbeite, dienen mir als Vergrößerungsgläser, mit welchen ich die letzten Lebenstage meiner Schützlinge beobachte. Ich entdecke immer diesen Fremden in mir. In vielen Häusern fühlte ich mich wie ein Schatten, den die Familie einfach passierte, ohne ihn wahrzunehmen, jedoch habe ich überall die Spuren meiner Arbeit zurückgelassen. Momentan klettere ich immer noch nach oben und versuche, den Weg nicht zu verfehlen. Ich sehe mich um. Sehe Spuren vor mir und hinter mir. Nach fünf Jahren Arbeitstourismus in Deutschland fühle ich mich wie ein abgebranntes Stück Kohle. Meine Wärme schenkte ich den Alten, den Leidenden. Die Notwendigkeit, Geld für ein würdiges Leben zu verdienen, hat meinen Charakter geschliffen. Ich weiß! Meine Taten haben keine Bedeutung.
Diese Reisen, um jemanden zu pflegen, waren auch Reisen ins UNBEKANNTE, denn ich bin immer nach etwas Neuem aus. Meine Wanderungen durch die deutschen Länder, vom Norden nach Süden, sind wie das Suchen eines Brunnens am Ende der Welt. Ich möchte diese Welt bewundern. Reisen bilden nicht nur. Reisen machen auch müde.

Als ich in Gedanken die fernen Erinnerungen aus der Kindheit ins Gedächtnis rief, sah ich, wie im Spiegel, ein fünfjähriges Mädchen mit einem Näschen voller Sommersprossen und mit Zöpfen mit großen Schleifen. An diesem merkwürdigen Tag hatte es ein dunkelrotes Samtkleidchen mit einem weißen, bestickten Kragen an. Das Mädchen kniet in der Küche auf einem mit Erbsen gefüllten Säckchen. Ihre erhobenen Hände lehnen an der Wand. In der auf ihrer Kopfhöhe befindlichen Spüle hört man das Wasser tropfen. Sie rezitiert ein
Gedicht:
”Ich bin eine kleine Christin. Ich soll gut, sanftmütig, ehrlich, einfach und heiter sein. In jedem Wort aufrecht in jeder Tat geduldig, denn der liebe Gott schaut mir zu und erfährt, was ich denke und was ich tue.”– Was ist Zeit. Wie lange dauert das Jetzt? Wie lang ist ein Augenblick?
Ich höre die Fragen des Mädchens und erinnere mich an das Wunder der Harmonie in ihrem Kopf, wo sich die Realität mit der Wendeseite des Bewusstseins vermischt. Ich sehe erneut die Wand, wie auf Märchendias, Bilder erscheinen – ein Waldfriedhof. Alle Bäume flüstern, als sprächen sie mit den Vögeln. Sie erzählen Geschichten über die Kraft, die alle Wesen auf der Erde, auch die Menschen haben. Der Wald hütet irgendwelche Geheimnis und die fliegenden, sich wie im Tanz erhebende Vögel verraten einander die Geheimnisse der Welt, von welchen die Menschen nicht einmal geträumt haben. Ich sehe erneut die Gesichter der lachenden Bäume und meine Nase spürt außerirdische Gerüche. Ich tauche ein in diese Träume, die mir einst wie Wirklichkeit vorkamen.
„Nein! Nein! Auf der Wand sind doch ein Wald und fliegende Vögel. Mach’ das Licht aus! Welcher Wald? Welche Vögel?”
„Marta, hier! Die Wand singt. Verzauberte Vögel. Die Bäume sprachen miteinander. Sie hatten Augen und Nasen und eines sagte zu mir: „Du bist ein Geheimnis.”

War das ausschließlich kindliche Phantasie? Oder ein kindlicher Blick auf die Kehrseite des Lebens? Ich hatte bereits als kleines Kind das nebulöse Gefühl, dass die Welt nicht wirklich so ist, wie wir sie wahrnehmen. Vielleicht habe ich damals unbewusst vermutet, dass alles um uns herum, diese ganze Materie, nur ein Spiel der blauen Schatten ist? Bereits als Kind verstand ich, dass sich das Licht mit der Finsternis verflicht, die sein fester Faktor ist. Als ich erwachsen wurde, überzeugte ich mich, dass sich das Licht mit der Finsternis verflicht, die ihr festes Pendant ist. Und als ich erwachsen wurde, überzeugte ich mich, welchen brutalen Preis man dafür bezahlen muss. Die Worte „Du bist ein Geheimnis”, die der Baum sagte, quälten mich und brannten meine Eingeweide das ganze erwachsene Leben lang.

Heute erkläre ich es mir so: Vielleicht ist das Leben ein geheimnisvolles Spiel, ein verborgener, tieferer Sinn? Und durch das Denken, das wie eine Welle fungiert, bereiten wir unsere Körper auf chemischer Ebene durch die Erfahrungen unseres Lebens für eine andere Bewusstseinsform vor, welche wir in diesem Leben nicht einmal erahnen. Ich verstehe es jetzt so, dass ich nicht aus der Materie allein bestehe. Ich bin als Mensch ein multidimensionales Wesen und deswegen ist das, was in meinem Kopf geschieht, für mich so wichtig.

Vielleicht kann ich selbst ein Zauberer sein und meine Welt kreieren, in meinem Kopf sind ja die Möglichkeiten zur Realitätsschöpfung vorhanden. Hinweise bekam ich von jenem kleinen Mädchen, das ich einst gewesen bin und dessen Verstand frei von Anschauungen und Ideen war.

Der erste Job in Deutschland

Als ich mich von meinem Mann verabschiedete, war ich nicht wirklich traurig. In den letzten Wochen, die voller üblicher banaler und zuweilen grotesker Missverständnisse waren, sammelte sich in mir viel Zorn an und ich wartete sehnsüchtig auf den Abreisetag um mich von ihm zu befreien. Ich wusste, dass ich eine krebskranke Frau, nach einer Mastektomie betreuen werde. Und die Angst wegen der dürftigen Sprachkenntnisse stärkte die Unruhe, sie ließ mich nicht vernünftig denken. Die Familie, zu der ich fuhr, war damit einverstanden, dass ich mit der Patientin englisch spreche. Und ich konnte doch gut Englisch, die Angst war also völlig unbegründet. Einerseits hatte ich eine Riesenangst, andererseits freute ich mich, dass ich Geld verdienen und Deutsch lernen kann.

Während der ganzen Reise habe ich verschiedene Märchen ins Gedächtnis geholt, sowohl die, die ich ‚mal gelesen als auch jene, die ich selbst erdichtet habe. Als „Märchen” bezeichnete ich auch wahre Begebenheiten, die immer mit „Es war einmal…” anfingen. Wie damals als mein Mann wahnsinnig in mich verliebt war, und alles tat, um für meine Gunst zu werben. Eben während dieser Reise wurde es mir klar, dass es ein völlig normaler Kampf eines Männchens um ein Weibchen war. Wie eine Werbung emittierte er seine Informationen, dass er über gute Gene verfüge… und ich habe es als wahre Münze genommen. Die Erinnerungen flammten in mir auf wie schnell einander folgende Blitzlichter eines Fotoapparates. Ja, das stimmt! Reisen begünstigt die Reflexionsbereitschaft. Zeit zum Nachdenken hatte ich genug, um Platz für andere Märchen zu finden. Die Mitreisenden waren nicht besonders sympathisch. Obzwar ich das Wort „Meute” nicht sonderlich mag, habe ich meine Reisekumpanen so klassifizieren müssen. In mentaler Hinsicht war ich doch ein wenig anders als sie. Ich kann mich nicht mit Leuten unterhalten, deren Wortschatz keine tausend Wörter überschreitet, von denen auch noch die Hälfte nicht durch die Zensur käme. Und mit solchen Leuten musste ich mehr als zehn Stunden im Auto verbringen.

Was tu ich denn überhaupt? Kaum, dass ich mich nach meinem mehrjährigen Aufenthalt in Großbritannien zuhause eingelebt habe, schon nehme ich das nächste Risiko auf mich. Diesmal geht es nach Deutschland. Ich werde alte Menschen in ihren Wohnungen betreuen. Ist das Altruismus oder die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, um finanziell etwas auf die Reihe zu bekommen? Es tat mir leid, dass mein Mann nicht gefragt hat: „Wie kommst du ohne Deutschkenntnisse zurecht. Bei deinem Gestammel schicken sie dich doch im Handumdrehen wieder nach Hause.” Ja! Das stimmt. Dieses Gestammel machte mich einem Hund ähnlich, mit dem man sich ja auch verständige, ja sowohl anfreunden kann.

Die Erinnerungen, die fast die ganze Reise über meinem Gedächtnis entsprangen, machten sie irgendwie angenehmer. Ich vermochte es, in einen parallelen Raum und in eine völlig andere Zeit zu entrücken. Dann kehrte ich wieder in die Gegenwart zurück und konnte selbst nicht begreifen, wie es kam, dass ich mich, von niemandem dazu gezwungen, entschied, mein Land zu verlassen, ohne genau zu wissen, wohin mich das Schicksal verschlägt. Ich konnte ja stolz auf mich sein – ich habe die Schulden abbezahlt, die ich des bequemeren Lebens willen gemacht habe und dank mir wohnte mein Mann nicht mehr in der Dachbodenwohnung. Wenn ich traurig bin, dass ich mich erneut von ihm verabschieden musste, kehre ich schnellstens zu meinen Märchen zurück.

Und wo bleibt das Frühstück?

An meinem Ziel kam ich um acht Uhr morgens an. Der Fahrer wartete nur, dass ich schnell aussteige und die Tür zumache und sauste sofort los. Ich zündete mir eine Zigarette an und sah mich um, neugierig, wohin mich der flatterigste Beruf, und zwar der einer Pflegerin, diesmal hinbrachte. Ich schaute mir die in ihrer Morgenruhe traurig wirkende Gegend, das Haus, vor dem ich stand und die Reihe der kleinen Häuser auf der anderen Straßenseite lange an, irgendwie hatte ich Angst, anzuklopfen. Meine Intuition gebot mir Vorsicht. Und sie hatte Recht, vom Garten aus kam mir ein Mann im Arbeitsanzug und schmutzigen Schuhen entgegen. Seine unrasierten, schmuddeligen Wangen und die dunkle Brille auf seiner Nase beunruhigten mich. Ich überlegte, ob er sie wohl aufgesetzt hat, damit ich das nicht erblicken kann, was man einem Fremden nicht einzublicken gewährt. Sein Äußeres stimmte mich misstrauisch, ich fasste aber meinen ganzen Mut zusammen und stellte mich kurz vor. Ich fragte, ob die Adresse richtig sei, lobte die ruhige Gegend und das große Haus. Der Mann bejahte meine Frage und mein Lob schien ihm zu gefallen, da er sogar lächelte. Ich fragte ihn sogar, ob wir Englisch sprechen könnten. Er nahm meinen Koffer und ich trabte hinterher, sah mir seine schweren Schuhe an und wunderte mich, dass er trotzdem lange, leichte Schritte machte. Als ich mir seine ganze Gestalt ansah, erinnerte er mich an einen Galeerensträfling. Und das ganze Haus und die Umgebung – an einen Gulag.

Er führte mich in den ersten Stock und gab mir kurz Auskunft, was ich zu tun habe und wie die Arbeitsbedingungen sind. Ich fühle mich danach keinen Deut besser. Die Perspektive, an diesem Ort bleiben zu müssen, erschreckte mich. Er stellte meinen Koffer ins Zimmer, wo ich während meines Aufenthalts wohnen sollte. Es war ein heller, trockener Raum mit einem Fernseher. Dann brachte er mich zu seiner kranken Frau. Im Wohnzimmer saß auf einem Ledersofa eine Frau im Morgenmantel. Sie war ein paar Jahre älter als ich. Mit der einen Hand streichelte sie einen kleinen Welpen, der auf ihrem Schoß saß, in der anderen hielt sie einen Schoppen Wein. Zu ihren Füßen, auf dem Teppich lagen vier holländische Bassethunde. Sie saß so, in Gedanken versunken, mit halbgeschlossenen Augen. Wir haben uns eine ganze Weile angeschwiegen. Als ich an sie herantrat, machte sie die Augen auf und lächelte. Sie musterte mich von Kopf bis Fuß und zeigte mit dem Finger auf einen Stuhl. Ich setzte mich etwas schräg hin und wartete ungeduldig und gespannt, was jetzt käme. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten soll, ich wollte mich doch zunächst vorstellen. Ihr Mann stand unbeweglich an der Tür, wie ein Lakai.

„Es ist eine Freude für mich, bei Ihnen arbeiten zu können” – irgendetwas musste ich ja sagen, wo die Frau so gar keine Anstalten machte, ein Gespräch zu beginnen. Nach einer Weile, als weiterhin nichts zu hören war, als ihr Atem, stellte ich mich vor und informierte sie, dass ich gut Englisch sprechen kann. Sie hat mich eines Blickes gewürdigt, sie war weiterhin mit dem Streicheln des Hundes beschäftigt. Ich fühlte mich wie ein Schatten. – „Ich muss an ihre Gedanken herankommen” – dachte ich.
Die Frau schien eine Xanthippe zu sein. Ich habe nicht ein einziges Anzeichen einer Krankheit bemerkt. Die Gefühle, die mich in diesem Moment überwältigten, ließen mich ihren Namen vergessen, der ja im Vertrag gestanden hat. So blieb sie für mich vorübergehend namenlos. Ich bat um einen Tee. Als ich mich vom ersten Schock erholte, merkte ich, dass der Morgenmantel der Frau recht verschlissen war. Die Bilder, die meine Phantasie produzierte, veränderten sich, als stammten die vorherigen aus einer anderen Zeit und Dimension. Mir schien, als wäre ich vorher in einem dreidimensionalen Raum eingetaucht und erst jetzt in die Realität zurückkäme. Oder waren es vielleicht keine Wahrnehmungsfehler sondern eine andere Betrachtungsweise, ein anderer Blick auf diese Frau?
Ich kramte alle deutschen Wörter aus dem Gedächtnis, die ich noch in der Schule gelernt habe. Ich konnte mich auch an einige Sprüche und Ausdrücke meiner Mutter entsinnen. – Ja! Ich habe Erfahrung. Ja, ich müsste zurechtkommen.
– Gartenarbeit gehört nicht zu den Pflichten einer Pflegerin.

– Wir stammen aus Holand, wir wohnen seit fünfzehn Jahren hier – die Frau taute endlich auf. Das Gespräch stockte. Ich war müde, hungrig und von der langen Autoreise erschöpft. Ich wusste nicht, wie ich mich zu verhalten habe.

„Bin ich eine Detektivin, die die Geheimnisse fremder Gedanken erforschen muss? Was soll ich jetzt machen?” – nur solche Fragen entsprangen meinem gedämpften Geist. Die vier Hunde wechselten ihren Lagerplatz. Alle vier, bis auf den Welpen, lagen nun zu meinen Füßen und beschnupperten mich. Nach so einer langen Reise duftete sicherlich nicht nach Frische, also war ich verlegen und fühlte mich unwohl, auch vor den Hunden. Auf meiner weißen, ärmellosen Bluse prunkte meine Lieblingshalskette mit einem Bernstein. Ich streckte die Brust raus und nahm einen olympischen Gesichtsausdruck an, als wäre dieser Bernstein mindestens eine Olympiamedaille. Ich fühlte den Unterschied, der zwischen mir und dieser Frau lag, die in ihrem alten Morgenmantel, mit zerzaustem Haar mit ihrem Körper das halbe Sofa vereinnahmte. Ich mochte nicht einmal ihre Stimme.

– Heute ist Sonntag, die Arbeit beginnt ab morgen.

Sie bedachte mich mit einem erhaben Blick und gedämpften Lachen, in dem ich ihren Unwillen mir gegenüber und meinem Aufenthalt hier spürte. Ihr dunkelhäutiges Gesicht blieb unbetrübt ruhig, wären da nicht die leicht bebenden Lippen.

– Du kannst auf dein Zimmer gehen und dich nach der Reise erholen – sagte schließlich der Hausherr.

Und wo bleibt das Frühstück? – dachte ich, als ich das Wohnzimmer verließ.
Ich fragte aber nicht.


Andere Beiträge von Łucja Fice zum Thema „Betreuerin” auf diesem Blog (manche sind auf Polnisch, andere im Deutsch). Unsere Zusammenarbeit dauert schon über 6 Jahre…

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2018/01/14/na-saksy-4/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2018/01/07/na-saksy-3-die-reichen/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2017/11/26/na-saksy-2/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2017/11/19/na-saksy-oder-als-senioren-betreurin-in-deutschland-zu-arbeiten/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2017/10/19/400-tysiecy/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2014/03/27/nowe-miejsce/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/12/12/samotnosc-jest-wszedzie/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/05/04/lucy-in-the-sky-with-her-books/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/03/23/na-saksach/

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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4 odpowiedzi na „Erinnerungen einer Betreuerin

  1. T.Ru pisze:

    Interesujace spostrzezenia i wspomniena Pani Lucji!.
    Mam znajome w Austrii, Polki pracujace w zawodzie pielegniarskim w Domu Starcow, lub dla
    nieuleczalnie chorych.
    Wiele sie nasluchalam i prawie wszystkie historie sa ciasno zwiazane z czlowieczenstwem wlasnym i cudzym. Taki niezamierzony test na siebie i innych.
    Nie da sie nic upieknic, albo sie prawie wszystko zaakceptuje, albo rezygnuje.
    Twardy kawalek chleba, zasluguje na wiele uznania i respeku.

    PS:Przy okazji przeczytalam wiersz Pani Lucji (Spacer na emigracji), bardzo mnie poruszyl
    Pozdrawiam serdecznia Teresa Rudolf

  2. T.Ru pisze:

    A dla tych ktorzy maja troszke wiecej czasu niz jednaa minute, zapraszam …..
    T.Ru.

  3. T.Ru pisze:

    …niz JEDNA minute, do diaska..
    Przepraszam..
    Tak sie glupio samo znow cos wyslalo..
    T.Ru

  4. tibor pisze:

    arbeit(mhd -mittelhochdeutsch) heisst eigentlich mühsaal und not;
    ich denke,daß das, nach den letzten wirren der zwei jahrhunderten, ein ziemlich schlecht bestellter begriff geworden ist; dasselbe hat jedoch überall mit den begriffen stattgefunden und,
    semantisch gesehen, flächendeckend, wie bei witkacy, oder sogar schlimmer?

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