Streifzüge durch Berlin: Gradiva

Heute vor 1940 Jahren

Ewa Maria Slaska

Fotos oben: Regine Lockot

Ich schlendere durch Berlin, habe Zeit, das Wetter ist schön, auf dem Mittelstreifen von der Kurfürstenstrasse sehe ich vom Weiten eine weisse antike Frauenfigur. Ich gehe hin, schaue mir eine schöne Skulptur an und denke, dass sie mich irgendwie an diese ebenso schöne Fresco von Flora in Stabie, Schwesterstadt von Pompei und Herkulanum erinnert. Diesselbe ungezwungene und fröhliche Atmosphäre, diesselbe schöne, sicher auftretende junge römische Frau.

Ich lese den Text auf der anderen Seite des Reliefs:

GRADIVA

Vom 25. Bis 27. September 1922 fand hier, in der Kurfürstenstraße 115/116, im „Haus des jüdischen Brüdervereins gegenseitiger Unterstützung” der 7. Internationale Psychoanalytische Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) statt. Er war der letzte, an dem Sigmund Freud persönlich teilnahm.

Nach einer Blütezeit der Psychoanalyse im Berlin der 20er Jahre wurden ab 1933 alle jüdischen Psychoanalytiker durch die Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft mußte 1938 aufgelöst werden.

Zum Thema „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten in Psychoanalyse und Kultur heute” kamen zum ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg wieder Psychoanalytiker der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung nach Berlin, um hier vom 25. bis 29. Juli 2007 den 45. Internationalen Psychoanalytischen Kongress abzuhalten.

Bis zu seiner erzwungenen Emigration 1938, hing ein Gipsabdruck der „Gradiva” neben Sigmund Freuds Couch in Wien. Seine Interpretation der Gradiva-Novelle von Wilhelm Jensen ist die erste größere psychoanalytische Untersuchung eines literarischen Werkes.

Sigmund Freud fand in London Exil.
Dort starb er am 23. September 1939.


Schöne Idee. Schöne Art einen Kongress und einen großen Mann zu erinnern. Im Internet finde ich auch das Buch.

Gradiva: Ein pompejanischen Phantasiestück
von Wilhelm Jensen
mit Vorwort von Sigmund Freund

Dresden/ Leipzig 1903

Beim Besuche einer der großen Antikensammlungen Roms hatte Norbert Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so daß er sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen vortrefflichen Gipsabguß davon erhalten zu können. (…)  Ungefähr in Drittel-Lebensgröße stellte das Bildnis eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indes augenscheinlich keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der Zwanziger-Jahre eingetreten. (…) Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? (…) Um dem Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte Hanold es für sich ›Gradiva‹ benannt, ›die Vorschreitende‹.

Der Relief weckt in einem jungen Archäologen, der sie als Abguss in seinem Arbeitszimmer stellte, endlich Mal, würde man sagen, das Interesse an lebendigen Frauen. Genauer gesagt an deren Gangart, denn  er Versuchte unter seinen Zeitgenössinen eine zu finden, die den Fuß so anmutig und fast senkrecht beim Gehen  hielt wie eben die Gradiva.
Dann träumte es ihn, dass er sich in Pompei befände, wo er einige Male zur Forschungzwecke schon weilte. Im Traum war es grade der 24. Augusttag des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort ließen durch eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von blutrotem Licht Übergossenes erkennen.

Er träumte immer noch, als er plötzlich Gradiva sah. Und wie es  im Traum oft passiert, schien es ihn normal, dass die Skulptur aus seinem Arbeitszimmer hier als lebendige Frau voranschreitet, in Gedanken versunken und somit noch nicht ahnend, was ihr und der ganzen Stadt bevorsteht. Bis dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei. (…) Dann indes, ihn jählings überfallend, kam ihm zum Bewußtwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriß seinem Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm entgegen. (…) Sie schritt jedoch weiter, noch bis zum Portikus des Apollo Tempels hinan, wo sie sich zwischen den Säulen legte, von der Schwefeldünsten des Vulkans erstickt. Hanold wachte auf und erst nach langer Weile erkannte er, dass er nicht wirklich vor fast zwei Jahrtausenden dem Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe.

Plötzlich, und zwar nich im Traum, sondern Diesseits, erkannte er eine junge Frau, die drunten auf der Straße ging (…) leicht elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fußes für einen Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Er lief ihr nach. Vergeblich.

Sie war nicht zu finden und ihm war es in Berlin ohne sie unerträglich geworden. Er reiste sofort ab. Zuerst nach Rom, dann nach Neapel und letztendlich nach Pompei. Egal aber, wo er sich befand, störte ihn sofort alles, bis er sich selbst zugeben müsste, daß er mißmutig sei, weil ihm etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was. Und diese Mißstimmung brachte er überallhin mit sich. Alles war zweck- und sinnlos, er selbst: taub und blind (…) auch die Natur war außerstande, ihm zu bieten, was er um sich und in sich vermißte. Nicht Mal der Besuch in Pompeji half ihn, seinen Spleen zu lindern. Sogar hier bemächtigte sich seiner Augen und geistigen Sinne eine entschiedene Gleichgültigkeit. Ja, sogar Pompeji war nichts mehr als außerordentlich nüchterner Schutthaufen. Als die Touristen zum Tisch gingen und herr Hanold alleine in der toten Stadt blieb, herrschte dort plötzlich vollkommene Reglosigkeit. Alles stand still, nur über den Vesuv hing eine wie eine Pinie geformte dunkle Rauchwolke. Es war unheimlich still und heiß, alles badete in der Sonne, als ob sich der große Pan zum Schlafen hingelegt hat. (…) Dann aber löste die Sonne die Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die Toten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben. Mit geöffneten Augen blickte Hanold die Straße entlang, doch war’s ihm, als tue er’s in einem Traum. Darin trat plötzlich (…) etwas hervor, und über die Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin. Ganz zweifellos war sie’s; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und genauso im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. (…) Zugleich mit dem Anblick aber war’s Hanold hell im Gedächtnis aufgewacht, daß er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh’n, in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung zusammen kam ihm noch etwas anderes zum erstenmal zum Bewußtwerden: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart mußte sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben. (…) Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort (…) und begab sich in das Haus des Meleager.

Hanold wußte nicht, nicht ob er wache oder träume.

Er ging ins Meleagers Haus, das, da es Mai war, voller wilder blühender Mohnblüten war, wie alle Häuser in der Totenstadt. Träumte es ihm, als er – nur etwa fünf Schritte von ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten gebliebenes Oberstück des Saalportikus herabwarf, zwischen zweien der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche Gestalt sitzen sah, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob? (…) Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewußt nach Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen Geisterstunde noch fort und saß hier vor ihm, so wie er sie im Traum sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren Knien lag etwas Weißes ausgebreitet, das sein Blick klar zu unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrosblatt schien’s zu sein, und eine Mohnblüte hob sich mit rotem Scheine von ihm ab.

Er spricht sie zuerst Griechisch und dann auch Lateinisch an. Und sie antwortete auf Deutsch. Es wunderte ihn aber keineswegs. So musste es gewesen sein. Dann aber stand sie auf, ging ein paar Schritte fort und verschwand. Die Mittagsgeisterstunde war vorüber.

Am nächsten Tag ging er wieder hin, diesmal aber heimlich, durch einen unbewachten Eingang, zu Mittagsstunde ins Meleagers Haus. Unterwegs sah er eine ganz mit weißen Glockenkelchen behängte Asphodelos-Blütenschaft, die er abbrach und mitnahm. Wenn die Mittagsstunde endlich kam, sah Hanold sie wieder zwischen zwei Säulen sitzend. Da fragte sie: Bringst du mir die weiße Blume?

Dann sprechen sie miteinander, und stellen fest, dass sie sich schon einmal, vor fast zwei Tausend Jahren gesehen haben müssten. Er erzählt ihr von seiner Suche nach einer Frau, die genauso einen Gangart hat als sie auf dem Relief in Rom. Nach einer Weile nimmt sie die Blume und geht in die Unterwelt zurück, sie vereinbaren aber noch ein Treffen am nächsten Tag. Diesmal lies Gradiva, die übrigens Zoë – Leben heissen sollte, ein kleines Skizzenbuch zurück, in dem Pompeji von heute abgebildet ist – Ruinen, Steine, wilde Blumen.

Hanold weiss, dass er krank ist, dass ihm entweder sein Kopf oder sein Herz Spielchen spielen. Er trink zu viel Wein, er läuft den ganzen Nachmittag hin und her, trifft einen alten vermeintlich leicht verrückten Zoologen, der Eidechsen fängt, und versucht nicht darüber nachzudenken, was ihm geschehen ist. Er wandert ziellos, kauft irgendwo eine pseudo-antike Spange, von der er denkt, sie gehörte Zoë vor zwei Tausend Jahren, ließ sich eine (damals unglaubwurdige sogar für einen Archäologen) Geschichte erzählen, dass man in Pompeji ein Liebespaar ausgegraben hat, zwei Leichen, die sich eng umschlungen um zusammen, in den Tod zu schreiten, und stellt sich vor, die junge Fraue wäre eben Zoë-Gradiva. Mit keinem Gedanken würdigt er die Tatsache, dass wenn er Zoë das zweite Mal sieht, trägt sie helle Lederschuhe und nicht Sandalen, wie auf dem Relief.

Weitere Nacht geht vorbei. Diesmal pflückt Hanold unterwegs ein paar rote Rosen und geht ganz normal, seinen Eintritt zahlend, in die Pompeji-Stadt. Erst als er wieder vor dem Eingang zur Casa di Meleagro steht, fällt ihn ein, die liebende Frau hätte Zoë sein können und dies hätte bedeuten müssen, sie hätte einen Liebhaber, den in diesem Moment Hanold regelrecht hasst. Sie ist jedoch allein gekommen, wie auch gestern und vorgestern. Er gibt ihr Rosen und ihr Skizzenbuch zurück, fragt auch, ob die antike Spange Mal ihr gehörte. Sie verneint aber. Überhaupt benimmt sie sich, als ob sie ein modernes Weib wäre. Sie teilen sich ihr zweites Frühstück, dass sie in Kleidertasche mithatte. Sie assen schweigend, bis die Gradiva sagte: »Mir ist’s, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brot gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?«

Aber dann ist sie doch ganz gegenwärtig und dazu noch kennt sie seinen Namen. Du bist doch offenbar verrückt, Norbert Hanold, sagt sie und in denselben Moment kommen ins antike Haus ihre Bekannte.

Er flüchtet. Ihm ist es klar, dass er, völlig ohne Sinn und Verstand zu glauben versuchte, dass er sich seit drei Tagen mit einer wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin traff.

Er flüchtet und daher ist nur der Leser und nicht auch Hanold, der erfährt, dass Zoë mit ihrem Vater, dem alten Zoologen, in der abgelegenen Albergo del Sole wohnt.

Da sehen sie sich wieder in einem anderem alten pompejanischen Haus. Ein leicht verrückter junger Archäologe und eine junge Dame vor Welt. Sie ist Tochter eines bekannten Zoologen Richard Bertgang und wohnt mit ihrem Vater in Berlin dem Haus, wo Hanold wohnt, schräg gegenüber. Sie kennt ihn also und zwar seit eh, er sie nicht mehr, weil er ein typischer Wissenschaftler geworden ist – zerstreut. Sie gesteht, dass sie, als sie entdeckte, was er im Kopf hat, mit ihm gespielt hat.

Daher also die Schuhe statt Sandalen. Und daher kennt sie seinen Namen.

Und am Ende werden sie heiraten!

🙂


Was der Freud darüber denkt? Lesen Sie HIER.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Ewa Maria Slaska i oznaczony tagami , , , , . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Jedna odpowiedź na „Streifzüge durch Berlin: Gradiva

  1. Anne Schmidt pisze:

    ich wurde wieder mal abgemeldet, ohne meinen Kommentar beenden zu können; der Beitrag im TV war super.

    Anne

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Wyloguj /  Zmień )

Zdjęcie na Google

Komentujesz korzystając z konta Google. Wyloguj /  Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Wyloguj /  Zmień )

Zdjęcie na Facebooku

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Wyloguj /  Zmień )

Połączenie z %s

Ta witryna wykorzystuje usługę Akismet aby zredukować ilość spamu. Dowiedz się w jaki sposób dane w twoich komentarzach są przetwarzane.