Frauenblick: Klimawandel

Monika Wrzosek-Müller

Als letztes Jahr die Trockenheit und Hitze Berlin beherrschten, wäre sie fast krank geworden. Die Trockenheit breitete sich wie eine Heuschreckenplage in den Parks, über die Wiesen aus, es war alles gelb und staubig, sah kränklich aus, ohne Saft und Leben. Sie trauerte um jeden Baum, jeden Strauch, der einging. Besonders Bäume haben es ihr angetan, alte, hundertjährige Bäume, deren Äste herunterfielen, erschienen ihr wie Lebewesen, die daran litten, was um sie herum geschah. Auch die Luft war trocken, es brannte in den Augen und kratzte im Hals.

Jetzt, in diesem Jahr saß sie in Warschau und sah die großen, neu angelegten, aber schon vergilbten Rasenflächen, die Blätter der Bäume, die jetzt schon, wie im Herbst, abfielen und auf dem Boden lagen. Die Weichsel konnte man durchwaten, sie war angeblich nur noch 40 cm tief. Die Schifffahrt war eingestellt. Die Trockenheit war überall sichtbar, in der Luft spürbar, auch im grünen Speckgürtel der Stadt sah man sie überdeutlich.

Schon letztes Jahr spürte sie, dass es ernst um die Welt war, um ihr Leben und dass es darum ging, wirklich etwas zu unternehmen, sollten wir noch weiter existieren wollen, vor allem die Generationen nach uns, unsere Kinder und dann deren Kinder. Doch weder die Grünen stellten für sie eine Alternative dar noch die Bewegung Fridays for future, die vielleicht zu jung war, zu sehr auf die Person von Greta Thunberg fixiert. Es war wirklich etwas, worum man kämpfen sollte, oder gar musste. Es war nicht ausgedacht, nicht künstlich zum Politikum gemacht, nicht durch die Medien kreiert; es geschah so überdeutlich und mit fortschreitender Konsequenz, dass man blind sein musste, es nicht zu sehen. Manchmal machten die Politik und die Politiker sie wütend mit ihrer Beschränktheit und Gehemmtheit, auch Langsamkeit, ihrer Abhängigkeit von der Großindustrie. Sahen sie nicht, dass es wirklich  höchste Zeit war zu handeln? Seit den 80er Jahren, seitdem sie nach Deutschland gekommen war, hörte sie ständig von der Verlegung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene, doch es passierte genau das Umgekehrte; die Autobahnen wurden immer breiter, zwei Spuren reichten schon lange nicht mehr aus und die Staus und der Verkehr nahmen rasant zu. Jetzt war Osteuropa auch den Gesetzen der Autoindustrie unterworfen, immer mehr, immer schneller,  scheinbar immer bequemer, also immer größer. Mitten durch kleine Dörfer und Städtchen in der Uckermark rollten riesige Laster mit Anhängern, alles rollte und verpestete die Luft, und die Sonne brannte unermüdlich und gnadenlos.

Zum Glück gab es doch noch die Kunst als einen großen Befreier, als Epigonen, Vorreiter dessen, was passieren sollte, konnte und nicht dürfte. Schon immer war die Kunst Vorbote der großen Themen, von Veränderungen; die Künstler spürten als erste Bedrohungen und bearbeiteten ihre Ängste in ihren Werken, sie entwickelten Visionen, die von der Realität betroffen waren.

So sah sie auch die Ausstellung in Warschau, im Zentrum für Gegenwartskunst (CSW) im Ujazdowski-Palais, sie handelte genau davon; schon der Titel war bezeichnend: Menschenleere Erde im Rahmen des Projekts Plastizität des Planeten. Das Wort Plastizität bezog sich sowohl auf die Möglichkeiten der Veränderung als auch auf die ungeheuren Mengen von Plastik, die der Mensch produziert und den Planeten damit zumüllt. Die Künstler versuchen ihre Sorge um den Planeten global auszudrücken. Sie gingen von einem Buch von Alan Weisman aus,  Die Welt ohne uns: Reise über eine unbevölkerte Erde, in dem spekuliert wird, was passieren würde, wenn die Menschen verschwänden. Könnten die Wälder sich wieder in Urwälder verwandeln, würden fast ausgestorbene Tiergattungen sich wieder vermehren, würde die Luft wieder sauber werden und das Abschmelzen der Gletscher aufhören? Als Beispiel nennt er auch den Urwald von Białowieża in Polen und mehrere andere unberührte Orte der Welt. Doch die Menschen werden nicht verschwinden und all die Auswirkungen ihrer Existenz werden bleiben. Das Buch des US-Autors erschien 2007, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erreichte große Popularität, stand auch monatelang auf den Bestsellerlisten.

Die Künstler schlagen vor: bei den Problemen zu bleiben, aktiv zu werden, bei sich selbst anzufangen. Nicht darauf vertrauen, dass irgendwo, irgendjemand eine neue technische Revolution startet und CO² verwandelt, die Gewässer säubert etc… darauf sollte man nicht vertrauen und sich damit abfinden. Die Künstler versuchen in ihren Arbeiten zu zeigen, wie dramatisch die Konsequenzen der Veränderungen in der Natur sind, die den Plastikmüll absorbiert hat, integriert hat und sich dadurch auch endgültig verändert hat. Sie zeigen, wie in den Organismen Plastik weiter existiert und etwas neues, nicht Natürliches, Unnatürliches schafft. Es ist eben diese Plastizität des Planeten, die neue Formen schafft, neues Leben herstellt, doch ob der Mensch darin noch überleben kann, ist fraglich.

Die Arbeiten sind ganz verschieden und haben mit der KUNST, wie ich sie früher verstanden habe, wenig zu tun; sie zeigen eine Art Sensibilität für die Probleme, die auftreten, eine sehr gezielte und unheimlich akribische Umgangsweise mit verschiedenen Materialien wie Pilze, Wasser, Steine, Grünpflanzen. Es sind Video-Installationen, Objekte die an etwas erinnern, das mal war und jetzt verwandelt weiter existiert, was darin schön ist, denn KUNST ist immer irgendwo mit Schönheit verbunden, muss man in fragilen und ganz zufälligen Momenten suchen. Und doch sind diese Arbeiten wichtig und richtig, denn sie beschäftigen sich mit dem wichtigsten Problemen, vor die unsere Welt gestellt worden ist.

Ein kleiner Teil der  Ausstellung konfrontiert den Betrachter mit  dem gezielten und bewussten Handeln der Menschen, die zur ökologischen Katastrophen (wie Entwaldung und Verwüstung) führen und meistens als Folge nach Kriegshandlungen auftreten.  Forensic Architecture ist eine Gruppe an der London University, Menschen aus unterschiedlichen Berufen: Architekten, Künstlern, Filmemacher, Journalisten, Archäologen, Programmierer, Juristen und anderen Wissenschaftlern; sie alle beschäftigen sich damit, Beweise zu sammeln und zu bearbeiten, so dass sie an internationalen Foren vorgestellt werden können. Im CSW werden zwei Aspekte vorgestellt: Herbizide-Krieg in Kolumbien und Palästina. In Kolumbien dachte man, mit den Unkrautbekämpfungsmitteln der Drogenproduktion Herr zu werden, es wurden ganze Waldgebiete vernichtet; in Palästina haben die Israelis um den Gaza Streifen alle grünen Pflanzen weggesprüht. Es entstanden Streifen von wüstenähnlichen Gebieten, auf denen jede Bewegung der Menschen sichtbar wird. Es sind eigentlich eher Dokumentationen der Prozesse der Veränderungen, die Bilder vorher, nachher veranschaulichen, was wirklich passiert ist und welch schreckliche Wirkung solche Anwendungen mit sich bringen.

Beide Ausstellungen habe ich mit großem Interesse aber auch mit Traurigkeit angeschaut; unheimlich, dass so viel Wissen auch nicht weiter hilft und die Welt sich weiter in den einmal eingeschlagenen Bahnen bewegt.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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