Neues aus der Känguru-Welt oder wo ist hier der Don Quijote?

Marc-Uwe Kling, Känguru-Offenbarung, Ullstein 2014

Grandeur

»KENNST DU DIESEN PINGUIN?«, ruft das Känguru und hält meinem Lektor das Passbild des Pinguins unter die Nase. (Im ganzen Buch ist man zuerst auf der Suche nach einem Pinguin, dann aber… o neee, liest lieber selber – Anm. d. Red.)
»Gutes Foto«, sagt mein Lektor. »Wollen wir das aufs Cover nehmen?«
»Auf keinen Fall«, sage ich. Wir sitzen im Innenhof des Hauptsitzes der Ullstein Buchverlage an einem Gartentisch.
Mein Lektor blättert in den Aufzeichnungen über die Abenteuer, die wir erlebt haben, seitdem das Känguru wieder zurück ist.
»Du musst dir immer klarmachen, dass dieses Buch das Finale eurer Triologie ist«, sagt er. »Und fürs Finale fehlt mir Grandeıır«
»Grandeur?«, frage ich skeptisch.
»Größer, weiter, mehr«, sagt mein Lektor.
»Eine Jagd rund um den Globus, oder was?«, frage ich genervt.
»Ja! Super. Könntet ihr nicht den Pinguin verfolgen? Der Pinguin ist ja eh eine Art MacGuffin.«
»Eine Art was?«, fragt das Känguru.
»Ein MacGuffin«, sagt mein Lektor, »ist zum Beispiel der Malteser Falke im Malteser Falken, der leuchtende Koffer in Pulp Fiction oder der Datenträger mit der wahren Identität aller CIA-Agenten in jedem zweiten Actionthriller. Hitchcock hat diesen Begriff geprägt. Er bezeichnete damit Objekte oder Personen, die dazu dienen, die Handlung voranzutreiben, selbst aber von keinem besonderen Interesse sind.«
»Kennt ihr Hitchcocks Lieblingswitz?«, frage ich. »Zwei Ziegen fressen die Rollen eines Films auf der nach einem Bestseller gedreht worden ist. Sagt die eine Ziege zur anderen: Mir war das Buch lieber.«
»Hitchcock hat auch gerne folgende Geschichte erzält«, sagt mein Lektor. »Es gab mal einen Drehbuchautor, der hatte seine besten Einfälle meist mitten in der Nacht, konnte sich am nächsten Morgen aber immer an nichts mehr erinnem. Also beschloss er, Papier und Bleistift neben das Bett zu legen. Gleich in der darauffolgenden Nacht hatte er eine tolle Idee. Schnell schrieb er sie auf und schlief zufrieden wieder ein. Am nächsten Morgen schaute er auf den Zettel, und da stand: Boy meets girl.«
»Worauf willst du hinaus?«, frage ich.
»Kannst du nicht diese angedeutete Lovestory mit Gott ausbauen?« (Gott ist der Name einer Frau, die dem Erzähler gefällt – Anm. der Red.)
»Ja, schreib doch, wie du einsam und verzweifelt bist, dann aber zu Gott findest«, sagt das Känguru.
»Entschuldigung«, sage ich empört, »aber Verfolgungsjagden, Lovestorys, Unfug! Ich schreibe hier einen Tatsachenroman! In diesem Buch steht nichts als die Wahrheit…«
»… so wahr dir Gott helfe«, sagt das Känguru.
»Liebesgeschichten. Das ist es, was die Leute lesen wollen«, sagt mein Lektor.
»Oder natürlich Fantasy«, sagt das Känguru.
Ich verdrehe die Augen.
»Ich muss ja gestehen«, sagt mein Lektor, »ich selber lese auch am liebsten Fantasy.«
»Wie bitte?«, frage ich.
»Ich muss für meine Arbeit immer schon so langweilige Sachen lesen«, sagt mein Lektor, »drum schmökere ich in meiner Freizeit gerne in spannenden Bücher.«
»Ich habe ihm auch schon gesagt, er soll lieber über die epische Schlacht zwischen Gut und Böse schreiben«, sagt das Känguru.
»Langweilt euch das eigentlich nicht längst?«, frage ich. »Als Finale immer und immer wieder eine epische Schlacht? Eine epische Schlacht übrigens, die ja in den meisten Fällen auch eine ethnische Schlacht ist. Nach dem Motto: Nur ein toter Ork ist ein guter Ork. Und natürlich immer wieder die guten Menschen aus dem Westen gegen die bösen Horden aus dem Osten. Geradezu rassistisch, wenn man mal drüber nachdenkt. Es wäre doch witzig wenn es als Finale statt einer epischen Schlacht mal eine ethische Schlacht geben würde. Also ein Fantasy-Buch, dass niclıt mit Gemetzel, sondern mit eiııer Diskussion endet. Anstatt dass der gute König über den bösen Uııterdrücker obsiegt, debattieren die Helden darüber, ob es so etwas überhaupt gibt, einen guten König, oder ob das nicht schon ein Widerspruch in sich ist.«
»Iclı glaube nicht, dass das funktionieren würde«, sagt das Känguru.
»Zu verkopft«, sagt mein Lektor.
»In welcher Fantasy-Serie steckst Du denn gerade?«, fragt das Käııgııru.
»Ich lese gerade Thorsten Mann«, sagt mein Lektor.
»Thomas?«, frage ich.
»Nein, nein. Thorsten Mann. Der Zauberzwerg
»Drei oder Sieben?«, fragt das Käııguru.
»Eine Triologie«, sagt mein Lektor.
»Es heißt Trilogie, nicht Triologie«, sage ich.
»Sicher?«, fragt mein Lektor,
»Ja.«
»Hm.« Er macht sich eine Notiz. »Ich darf nicht vergessen, deinen Klappentext noch mal zu überarbeiten.«
»Um was geht’s denn im Zauberzwerg?«, fragt das Känguru.
»Der Zauberzwerg Imli und seine Gefährten, darunter der Dreißig-Prozentling Rodo, müssen den Helm des Mambrin finden – übrigens auch eine Art MacGuffin -, um den guten König des Westens Eoden von seiner Geisteskrankheit zu befreien…«

»Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit«, sage ich.
»Apropos geisteskrank«, sagt mein Lektor, »Diese Kapitel über deinen Psychiater, die sind mir zu abgefahren. Können wir die bitte rausnehmen? Gerade das letzte. Da weiß man ja nicht mal, ob das jetzt ein Traum sein soll oder nicht.« (Der Psychiater ist wahrscheinlich ein Homosexueller und macht den Erzähler an – Anm. d. Red.)
»Spielst du eigentlich auch World of Warcraft?«, fragt das Känguru.
»Na klar«, sagt mein Lektor. »Ehrensache.«
»Ich habe erst gestern eine echt epische Schlacht mit Dein Vatern«, sagt das Känguru.
Ich ziehe meine rechte Augenbraue nach oben.
»Der Typ, mit dem ich gekämpft habe«, sagt das Känguru. »Der hat sich so genannt, Dein Vater. Weiß auch nicht, was das soll.«
»Das ist ja witzig«, sagt mein Lektor.
»Das ist nicht witzig, das ist nervig«, sage ich.
Mein Lektor lacht uııd sagt: »Nein. Das ist witzig, denn ich bin DEIN VATER!«
Ich kratze mich an der Nase.
»Das ist supernervig«, sage ich. »Du hast dich nur so genannt, um irgendwann mal diesen Witz machen zu köıınen. Außerdem ist es seit dem Zweiten Komikerkonzil strengstens verboten, ich-bin-dein-Vater-Witze zu machen.«
»Was liest du denn gerade?«, fragt mein Lektar das Känguru.
»Der Alchimist«, sagt es. »Der Titel hat mich getäuscht. Aber dann habe ich trotzdem weitergelesen. Ich wollte wissen, warum das so erfolgreich ist.«
»Und?«, frage ich.
»Es ist furchtbarer Kitsch«, sagt das Känguru angewidert »Keine Monster, kein Gemetzel. Keine epische Schlacht. Nicht mal eine ethische. Was soll das? Das ist Wellness-Fantasy! Und obendrauf noch diese furchtbar abgeschmackte You can do it if you really want -Verarsche. Ich meine, als ob.«
»Allerdings Wellness-Fantasy mit 65 Millionen verkauften Exemplare«, sagt mein Lektor. »Und Marc-Uwe, natürlich hat das Buch auch eine Lovestory.«
»Du verstehst nicht«, sage ich. »Ich bin kein Schriftsteller, ich bin nur Chronist. Ich kann nur aufschreiben, was wirklich passiert ist. Immer wenn ich anfange, mir Sachen auszudenken, kriege ich sofort eine Schreibblockade.«
»Ja, aber was wirklich passiert ist, ist doch auch nur Ansichtssache«, sagt mein Lektor. »Da kann man doch ein bisschen schummeln. Du bist der Erzähler, Du entscheidest, was im Buch landet.«
»Das stimmt«, sagt das Känguru. »Ich meine, wer kann schon sagen, ob ich das, was ich gerade sage, wirklich gesagt habe. Vielleicht habe ich etwas völlig anderes gesagt als das, was die Leute am Ende lesen.«
»Ja«, sage ich, »Das ist gut möglich.«
»Wahrscheinlich haben wir dich noch weiter endlos mit Nacherzählungen von Fantasy-Romanen genervt«, sagt mein Lektor.
»Ja. Wahrscheinlich.«
»Habe ich dir übrigens schon mal gesagt, dass ich dich bewundere?«, fragt das Känguru. »Du bist so witzig und intelligent. Und du hast fast immer recht. Hier hast du übrigens all das Geld zurück, das du an mich beim Wetten verloren hast.«

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*Schreibblockade, die: Zustand, in dem man frustriert mit beiden Fäusten auf die Tastatur haut (Anm. des Chronisten)

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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