Känguru zwischen Shakespeare und Cervantes

Marc-Uwe Kling, Die Känguru-Offenbarung, Ullstein 2014

Hollywood

»Du willst einer von den ganz Großen werden?«, fragte der 30-Prozentling. »Du bist doch nur ein Zwerg!«»Ja, aber ich kan zaubern«, sagte der Zauberzwerg.
Aus Der Zauberzwerg
von Thorsten Mann

»Frag du bitte mal nach dem Weg«, sagt mein Agent, als wir den großen Studiokomplex betreten.
»Gleich nach meinem ersten erfolgreichen Film suche ich mir einen neuen Agenten«, sage ich. »Einen, dessen Englischkenntnisse sich nicht out of office und fuck you beschränken.«
»Manche Leute kommen mit fuck you durch ihr ganzes Leben«, sagt das Känguru.
»Wenzel hatte mir eine Wegbeschreibung geschickt, aber ich habe sie aus Versehen von meinem Telefon gelöscht«, sagt mein Agent. »Meine Finger sind irgendwie zu dick für den Tatschskrien.«
»Warum ist Wenzel Skowronek eigentlich nicht mehr bei dir unter Vertrag«, frage ich. (Wenzel Skowronek ist der Autor des Romans Wunderhure, der im Kling-Buch immer wieder zitiert wird, auch weiter unten, weil man ihn gerade in Hollywood verfilmt, mit Peter Dinklage in der Hauptrolle – Anm. der Red.)
»Ich frage mich bis heute warum, aber gleich nach seinem ersten erfolgreichen Film hat er sich einen anderen Agenten gesucht.«
»Understandable, understandable«, singe ich vor mich hin.
»Wie?«, fragt mein Agent.
»Nichts«, sage ich. »Nur ein Ohrwurm.«
Ich frage nach dem Weg, und wir werden in eine große Halle geführt. Drinnen wuseln ganz viele Menschen um einen sehr kleinen Schauspieler und eine sehr leicht bekleidete Schauspielerin herum, die vor einer grünen Wand stehen.
»I stood eye to eye with the faceless terror«, sagt der kleine Schauspieler gerade. »I have wrestled with the poisonous slime gnomes of Glubsch and have bin riding the guiant spider Gorocola, but I’ve never had such a fear as now, when I want ask you: Would you go to the prom with me?«»I can not!«, sagt die Schauspielerin, den Tränen nähe. »The king of the lost city, my pimp, wants me to go with Brian, the son of Dragondoel the pale blue wizzard!«
Das Känguru ist hin und weg.
»Schantt’al«, murmelt er entrückt.
Irgendwo ruf jemand: »Cut!«
Ein Assistent kommt und gleitet mich und meinen Agenten in das Büro des Produzenten.
»Sank you sat you meeting us!« sagt mein Agent. »We knowing you time is little…«
»Zufälligerweise spreche ich Deutsch«, sagt der Produzent. (Zufälligerweise sprechen in Klings Bücher immer alle Deutsch – Anm. d. Red.)
»Äh… danke für diese Audienz…«
Der Produzent tut so, als hätte er eine unsichtbare Fernbedienung in der Hand, drückt drauf und sagt: »Fast forward«
»Äh wie?« fragt mein Agent.
»Vorspulen«, sagt der Produzent. »Eräzhlen Sie mir ihre Idee. Meine Zeit ist klein.«
»Klar, klar«, sage ich. »Eine Endzeit-Story.«
»Teuer«, sagt der Produzent.
»Ja… äh… also, es gibt keine Länder mehr, sondern nur noch Konzerne. Die Leute haben keine Staaatsangehörigkeit mehr, sondern nur noch Konzernangehörigkeit.«
»Massives Product-Placement«, sagt der Produzent. »Sehr gut.«
»Aber es gibt nicht mal mehr richtige Konzerne«, sage ich, »es gibt nur noch sogenannte Failing corporations
»Zu verkopft«, sagt der Produzent. »Ich warte noch drei Sekunden auf eine zündende Idee. Drei, zwei…«
»Es ist eine Endzeitkomödie!« rufe ich. »Die Leute sind total glücklich, dass alles kaputt ist.«
»Lesen Sie mir den Anfang vor.«
Ich tue, wie mir geheißen.
»Eine Frau und ein Mann sitzen vor einer Ruine. Zahlreiche Kinder spielen auf einer Müllkippe.
DIE FRAU
Schau nur, wie glücklich unsere Kinder spielen… (…)«
Der Produzent drückt auf seine imaginäre Fernbedienung. »Stopp.«
»Wie?«
»Erzählen Sie mir das Ende.«
»Ach so. Na, am Ende kommt raus, dass alle nur deswegen so happy sind, weil haufenweise Stimmungsaufheller ins Trinkwasser gemischt werden. Aber die Leute, die es rausfinden, sind so gut drauf, dass es ihnen egal ist.«
»I will call you. Don’t call me«, sagt der Produzent. »I will be out of office.«
»Wie? Was?« frage ich.
»Er sagte, er sei aut off offiss«, sagt mein Agent. »Das bedeutet fack ju.«
»Ich habe noch eine andere Idee!« rufe ich.
»Stopp«, sagt der Produzent und drückt auf seine imaginäre Fernbedinung.
»Könnten Sie das bitte lassen?« frage ich. »Das ist irgendwie entwürdigend.«
»Stumm«, sagt der Produzent und deutet mit seiner imaginären Fernbedinung auf mich. »Es geht um Vampire!« rufe ich.
»Abspielen.«
»Shakespeare und Cervantes sind ja beide im Frühjahr 1616 gestorben. Das ist Weltbekannt, aber nur die wenigsten wissen, dass die Dichter von einem Groupie-Vampir gebissen worden waren und selbst Vampire wurden. Die beiden sind jetzt Mitte vierhundert und stecken voll in der Midlife-Crisis. Ich lese mal kurz Szene vor, die spielt nachts in einer Bar:

WILLIAM
Erinnerst du dich, Freund? Früher, da waren die Leute gastfreundlich. Rein oder nicht rein, das war gar keine Frage. Heutzutage hingegen öffnet einem keiner mehr seine Tür. Alle glauben, man wäre von den zeugen Jehovas oder von einer DSL-Anbieter…
MIGUEL
Ach, ich trinke, wenn sich mir eine Gelegenheit bietet, und ich trinke auch, wenn sich mir keine Gelegenheit bietet, aber entsetzlich ist es, dass man jetzt vor dem Biss immer einen Aids-Test machen muss!
WILLIAM
Meiner Eckzähne wegen hat mir mein Dentist eine festsitzende Zahnspange eingesetzt.
(William zeigt seine Zahnspange.)
Auch lässt mein Augenlicht nach, und leider fällt mir das Einsetzen der Kontaktlinsen immer sehr schwer, weil ich mich ja nicht im Spiegel sehen kann.
MIGUEL
Würde dir gerne helfen, aber wenn der Blinde den Blinden führt, fallen beide in die Grube. Ich glaube, ich habe mir auch schon wieder die rechte Linse ins linke Auge gestezt und umgekehrt.
WILLIAM
Klar, niemand heilt durch Jammern seinen Schaden, aber lasern lassen… ich weiß nicht, ich bin doch so lichtempfindlich. Apropos. Ich muss dann auch mal. Da geht ja schon fast die Sonne auf.

Und dann fliegt er behände mit dem Kopf gegen den Türrahmen. Die Handlung…«


»Stopp«, sagt der Produzent. »Kommen Sie wieder, wenn Sie etwas über die epische Schlacht zwischen Gut und Böse geschrieben haben.« (siehe dazu den Beitrag vom letzten Montag – Anm. d. Red.)
»Hexen!« rufe ich. »Ein Film über drei Hexen im Mittelalter, die alle so gestresst sind (…)«
Der Produzent deutet mit seiner unsichtbaren Fernbedienung erst auf einem Sicherheitsmann und dann auf uns.
»Eject?« fragt der Sicherheitsmann.
Der Produzent nickt, und gleich danach stehen wir vor der Tür.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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