Ginkgo

Ewa Maria Slaska

Das Haus, in dem ich ab und zu arbeite, ist riesig groß. Im Laufe der Jahre belegten wir schon Zimmer in seinem verschiedenen Teilen. Diesmal, und es ist erst seit ein paar Wochen, befinden sich unsere Fenster direkt gegenüber Hochschule der Künste. Davor wachsen zwei wunderbare Ginkgobäume, die jetzt der hohen goldenen Flammen gleichen. Ich habe es schon seit Tagen mit Freude beobachtet, aber erst heute ist mir eingefallen, dass ich gerade diesen Baum schon vor fast 20 Jahren beschrieben habe. Ich war mir nicht sicher, ob ich den Text überhaupt finde, aber doch – hier ist er:

Ginkgo oder Ich mag Goethe nicht

Den Oktober verbrachten wir in Griechenland. Die Pracht von Blau und Weiß. Die Rückkehr nach Novemberberlin gleicht einem Schock. Es regnet. Alle Menschen in der U-Bahn sitzen mürrisch herum, schweigen und glotzen vor sich hin. Ihre Mundwinkel sind alle nach unten gesenkt, in einer grimmigen Grimasse von Unzufriedenheit, Neid und Verbissenheit. Die Berliner Fratze.

Es regnet die ganze Woche lang. Alles ist grau und kalt.

Samstag. Endlich blauer Himmel und Sonne. Kalt ist es immer noch, aber nicht mehr grau. Ich gehe spazieren, möchte goldene Bäume sehen. Auf dem Bayerischen Platz endlich ein paar Birken. Golden. Es ist kalt. Alle Straßen sind menschenleer. Die Bundesallee. Samstag früh – der Berliner will sich einmal ausschlafen. Vor mir ein großer goldener Baum. Ein Ginkgo. Groß, prächtig. Ein Baum, der von Goethe berühmt gemacht wurde. Daß ich eins und doppelt bin, schrieb er. Wie der Ginkgoblatt. Es ist ein Liebesgedicht. Goethe dachte dabei an sich und eine um 60 Jahre jüngere Frau.

Ich sammle ein paar Blätter. Als ich mich nach unten beuge, sehe ich ein paar Meter weiter einen anderen Goldbaum, unter dem sich zugleich drei Menschen, etwas pflückend, beugen. Chinesen, stelle ich fest. Drei Chinesen unter einem Ginkgo-Baum an einem menschenleeren Samstag. Der Baum dort ist kleiner. Die Chinesen arbeiten, das sieht man ihnen an. Es ist etwas zielbewußtes in ihren Bewegungen, rauf und runter. Jeder hält in der Hand eine durchsichtige, orangenfarbene Plastiktüte. Sie stecken das, was sie vom Boden heben, in diese Tüten. Ich bilde mir ein, daß sie die goldenen Blätter sammeln, um ein Zimmer mit den Ginkgo-Blättern zu tapezieren, damit ein schöner Meditationsraum entsteht. Einmal habe ich so ein Zimmer in einem fernöstlichen Haus gesehen, dessen Wände mit Magnolienblüten bedeckt waren. Es klingt romantischer als es aussah. Magnolienblüten mögen fabelhaft am Baum aussehen, aufgeklebt, sind sie schmutzigweiß. Ich hätte es lieber mit Ginkgo-Blättern gemacht.

Fest entschlossen, die Chinesen unter dem Baum gerade so ein Ziel vor den Augen haben und erpicht, ihnen zu helfen, gehe ich auf sie zu und behaupte, da, unter „meinem“ Baum, seien die Blätter schöner, beständiger, und in größerer Menge.

Es sind zwei Männer und eine Frau. Sie schauen mich mitleidig an und lachen. „Wissen Sie“, sagt die Chinesin und sie sagt es gerade so, wie die Chinesen sprechen, mit dünnem S, die durch eine dünne, kindliche Stimme fast komisch verändert wird. „Der Baum da, der ist ein Mann, der taugt nicht“.

„Und?“ – frage ich. „Dies da ist eine Frau und hat Früchte“. Sie zeigen mir kleine, rosiggelbe Beeren. Hilflos suche ich mir ein paar Früchte zusammen und schnupfe an ihnen. Sie riechen unangenehm, nicht schlecht, aber gerade so – unangenehm, nach Hundepisse. Die Chinesen essen doch alles, erinnere ich mich plötzlich. Ich bin keine Chinesin, für mich sind diese Früchte weder eine Bereicherung langweiliger europäischer Nahrung im Exil, noch ein Stück ferner Heimat an einem kalten Tag. Es sind ganz einfach kleine Beeren, die unangenehm riechen. Etwas ist in mir verlorengegangen, obwohl ich es nicht genauer weiß, was.

Mir kommt es vor, als ob ich wüßte, der Ginkgobaum sei männlich und weiblich. Ich bringe es nicht über mich, die Früchte zu kosten. Ich mache mir ein schönes herbstliches Gedeck. Ein paar weibliche Beeren mit zwei männlichen Blättern. Aber essen möchte ich davon nicht.

Der Ginkgo, der dank einem Dichter zum Symbol der Einigkeit zweier sich liebenden Menschen avancierte, ist in Wirklichkeit für uns, die wir keine Sachkundigen sind, eine Seltenheit – ein Baum, der entweder weiblich oder männlich ist. Geteilt. Fern von einander. Auf ewig und immer. Bis auf Gott sie verbindet.

Und der Mann, der taugt nicht.
Berlin im November 2000.


PS vom 16. Oktober 2019:

Die Ginkgobeeren werden geröstet und sollen eine Delikatesse sein, die man gern in China während einer Hochzeit serviert. Zwei Leute aus meiner Familie haben vor 10 Jahren geheiratet. Eine Rosenhochzeit wäre es, ist aber anders geworden… Trotzdem wünsche ich den beiden, dass sie glücklich sind. Auf Polnisch sind die Namen anders und sie ändern sich – als ich jung war und meine Eltern 10. Jahrestag ihrer Hochzeit feierten, hieß es „żelazne wesele” – Eiserne Hochzeit. Heutzutage ist es Aluminium oder Zinn. Und wiederum die Eiserne Hochzeit ist in Deutschland Name für den 65. Jahrestag der Ehe…


Und noch Goethes Gedicht (falls man sich nicht an Anhieb daran erinnert)

Ginkgo Biloba

Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn.
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin ?

Johann Wolfgang von Goethe 1815
(1749 – 1832)

Dieses Gedicht, schrieb der Homepageautor, wo ich das gefunden habe, hat Johann Wolfgang von Goethe für seine späte Liebe Marianne von Willemer geschrieben.

Das Ginkgoblatt wird darin als Sinnbild für Liebe und Freundschaft beschrieben.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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3 odpowiedzi na „Ginkgo

  1. T.Ru pisze:

    Was für bildhafter, „riechhafter”, interessanter Text!!!
    Sofort wollte ich den Ginkobaum anschauen, und war mir aber fast übel, wie ich mich vorgestellt habe, die Ginkoblätter zu riechen, oder noch mehr:
    zu kosten..😨!
    Sehr schöne deutsche Sprache hatte dieser Ginkobaum genossen😁und geht es mir gar nicht gerade um W.Goethe!
    T.Ru.

  2. T..Ru. pisze:

    Korrektur:
    Was für bildhafter, „riechhafter”, interessanter Text!!!
    Sofort wollte ich den Ginkobaum anschauen, und war es mir aber fast übel, wie ich mir vorgestellt habe, die Ginkoblätter zu riechen, oder noch mehr:
    zu kosten..😨!
    Sehr schöne, deutsche Sprache hatte dieser Ginkobaum genossen😁und geht es mir gar nicht gerade um W.Goethe!
    T.Ru.
    PS:
    Und wie immer, bevor ich den Text lesen und korriegieren konnte, wie der unsere Ex-Vicekanzler H.Strache so sagte:”zack, zack, zack”
    und….ist schon gelaufen..
    Zu spät…

  3. BCA pisze:

    Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt. (Khalil Gibran)

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