Eine Utopie zu mithaben (Reblog+)

Im Voraus, weil es im Artikel keine Erwähnung findet und erst im Kommentar angesprochen wird. Wünsdorf ist eine nach der Wende gegründete Bücherstadt, wo sich vor allem Antiquariate mit ihren enormen Bücherdepots niederliessen. Mehr dazu HIER.

Roland Mischke

Grüner Visionär
Über eine Idee von Eckhart Hahn

Berliner Zeitung, 25.10.019

40 Kilometer vor Berlin
Wie Wünsdorf die erste Öko-Stadt der Welt werden könnte

Ausgerechnet Wünsdorf, die lange verbotene Stadt. Sie ist zu seinem Lieblingsprojekt geworden, zu seinem Lebensprojekt. In Wünsdorf will Ekhart Hahn die erste Öko-Stadt der Welt errichten.

Auf brandenburgischen Sand soll auf 90 Hektar Fläche eine Gartenstadt entstehen, der Gründer nennt sie „einen ökologischen Lernort, wie es ihn weltweit noch nirgendwo gibt. Ein neuer Lebensraum, ein Zukunftsmarkt.“ Und der Sand, sagt Hahn, der Siedlungsökologe, werde dabei kein Nachteil sein, ganz im Gegenteil.

Für DDR-Bürger war Wünsdorf gesperrt

Ausgerechnet Wünsdorf, 40 Kilometer südlich von Berlin. Seit 1910 Militärstadt mit Infanterieschule, Kasernen und Truppenübungsplätzen. Im Ersten Weltkrieg war hier das Hauptquartier der Reichswehr. 1935, zwei Jahre nach Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde das Oberkommando der Wehrmacht dorthin verlegt.

1945 übernahm der militärische Führungsstab der sowjetischen Streitkräfte der Roten Armee die Stadt, von Wünsdorf aus wurde die finale Schlacht um Berlin befehligt. Nach der Kapitulation rückte das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte ein, der Kalte Krieg begann. Für DDR-Bürger war Wünsdorf gesperrt.

1994 zogen die Russen ab und hinterließen eine heruntergekommene Stadt, teilweise vermint und weitgehend leer. Heute hat Wünsdorf knapp über 6000 Einwohner, nun sollen noch 10.000 dazukommen. Wenn es nach Ekhart Hahn geht.

(…)
Er ist Architekt, Raumplaner und Siedlungsökologe, 76 Jahre alt, Segler. Das erklärt seine Sprache.

Unsere Städte, sagt er, seien wie fossile Tanker, würden immer schwerfälliger. „Wir brauchen postfossile, wendige, gutorganisierte Segler. Wünsdorf soll zu dem Segelboot werden, das der Welt zeigen wird, wie sich die Städte umbauen lassen. Dass es in der Brandenburger Sandwüste steht, ist für unser Projekt von Vorteil. Mit neuen Nährkreisen werden wir daraus eine fruchtbare Gartenstadt machen.“

Ekhart Hahn ist ein nüchterner Mann, er hat alles durchgeplant und 2016 den Verein ICEC gegründet, International Campus Eco City. Hahn hat Kontakte zu großen Wirtschaftsunternehmen, zu Bundestagsabgeordneten, Brandenburger Landespolitikern und zu Softwareunternehmen. Für ein großes Projekt muss mit anderen zusammen groß gedacht werden. Und wenn sie es verstehen, werden sie zu Unterstützern. Wie der SPD-Politiker Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D., den Hahn vor Jahren kennenlernte.

Sie kamen ins Gespräch darüber, was jeder Einzelne dazu beitragen kann, den Klimawandel und die damit verbundenen Flucht- und Siedlungsbewegungen zu begleiten. Die größte Herausforderung auf dem Planeten, sagte Thierse. Hahn erzählte vom Plan einer Eco City. Im Grußwort für das Heft, das das ICEC-Projekt vorstellt schreibt Thierse: „Wir brauchen durchdachte Visionen, wie die zentralen Probleme unserer Zeit zu lösen sind. Ich wünschte sehr, dass dieses Projekt gelingen möge – als ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft.“

(…)

Ekhart Hahn ist in Stettin geboren, die Eltern waren Ärzte, die Familie wurde 1945 vertrieben und landete in Niedersachsen. Von dort ging Hahn 1970 an die TU Berlin, war nach fünf Jahren Studium Dozent und bereiste 1975 im Auftrag des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit China. „Noch in der Mao-Zeit, das Land war rückständig, aber es wollte vorankommen.“ In den Siebziger- und Achtzigerjahren hat Hahn in China gelehrt. Sein Thema: die umweltbezogene Siedlungspolitik.

Beeindruckt von dem Report „Die Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome entschied er sich dann für eine berufliche Neuausrichtung und zog sich für sieben Jahre in das Dorf Riedlingen im Schwarzwald zurück. Dort entwickelte er die Thesen zur Siedlungsökologie, die er in mehreren Büchern verbreitete. Zurück in West-Berlin folgten weitere Bücher über die Zukunft der Städte. Die TU Dortmund berief ihn zum Honorarprofessor für Ökologische Stadt- und Raumplanung, das lehrt er seit 1998 auch in Japan.

(…)

Hahn und der Verein ICEC wollen in Wünsdorf 30 Millionen Euro in Grundstücke investieren. In den Machbarkeitsstudien gruppiert sich der Stadtplan um eine grüne Mitte, gerahmt von Wohnquartieren, einer Öko-Station als Herzkammer der Eco City und einem Besucherzentrum. Hier werden sämtliche Energie- und Stoffströme zusammenlaufen, permanent kontrolliert, neu aufbereitet und wieder in den Kreislauf des Stadtorganismus eingespeist. Auf 20 Hektar wird Gartenland, auf 3,5 Hektar werden Gewächshäuser für Gemüse, Obst und Beeren entstehen. Terra preta, schwarze Erde, die sich im Boden des Amazonasbeckens als fruchtbar erwiesen hat, wird den märkischen Sand bedecken. Dazu Biomasse aus Abfällen der Bewohner und ihre Fäkalien zum Düngen.

Die Energieversorgung geschieht nach dem Smart Grid System, es handelt sich um intelligente Stromnetze mit hocheffizienten Energiespeichern. Die kreislauforientierte Technik führt Grund- und Oberflächenwasser, Regen-, Grau- und Schwarzwasser zusammen. Es wird eingesetzt in der urbanen Landwirtschaft, in Gärten, Freiräumen und zur Kühlung. Angelegt werden Wasserläufe, Teiche und eine Fischzuchtanlage. Autos dürfen nicht hinein in die Gartenstadt, Fahrradwege werden gebaut, die Beförderung der Versorgung wird durch Lastenräder und Elektromobilität geleistet. Die Zugereisten sollen  in lichten Häusern mit bunten Fassaden leben.

„Öko-Städte werden unser Überleben sichern“

Angetan ist Ekhart Hahn von den massiven denkmalgeschützten Bauten Wünsdorfs. Die robuste Bausubstanz wird ökologisch saniert. In die einstige Panzerhalle, 120 Meter lang und ebenso breit, 90 Meter hoch, werden drei Etagen implantiert – für Seminarräume und Werkstätten des Campus-Instituts.

Der „Kulturpalast“, in dem einst führende Militärs der Sowjets Klassikkonzerten lauschten, wird zum interkulturellen Zentrum, zum House of One für lernende und lehrende Studierende, die Muslime, Buddhisten und Christen sind. „Öko-Städte werden unser Überleben sichern“, sagt Hahn. „Wenn alle zusammenhalten. ICEC Wünsdorf wird die Blaupause sein.“

Eine Schlüsselaufgabe der Menschheit

Die behördlichen Voraussetzungen sind erfüllt, dank einer großzügigen privaten Spende konnte ein Koordinationsbüro etabliert werden. Jetzt soll Hahns Vorarbeit Früchte tragen. Er hat einen Stab an Experten versammelt: für urbane Landwirtschaft, Landschaftsarchitekten, Pioniere des baubiologischen Planens, dazu Stadtplaner und Künstler.

Der Spezialistenpool wird Studierenden aus aller Welt zur Verfügung stehen, sie werden einige Monate oder Jahre in Wünsdorf leben und dann in ihre Länder zurückkehren.

So arbeitet ICEC inzwischen mit einem Büro in Singapur zusammen, dass dort eine völlig neue Wasserversorgung entwickelt hat. Hahns will Ideen von überallher in der Campusstadt zu konzentrieren. „Der ökologische Stadtumbau ist die Schlüsselaufgabe der Menschheit im 21. Jahrhundert“, sagt er immer wieder.

Er weiß aber auch, dass es nicht genügt, den weltweiten Anforderungen mit Plastikreduktion oder Wärmedämmung zu begegnen. Gebraucht wird ein überzeugendes Konzept. Die Aktivisten von Fridays for Future unterstützt er. Er sagt aber auch: „Sie kennen die Lösungen nicht.“ Ekhart Hahn hingegen glaubt, die Mittel zu kennen, um dem Klimawandel effektiv begegnen zu können.

Da ist die zellulare Vernetzung der Systeme: Wärme aus der Erdtiefe, Energie von der Sonne durch Fotovoltaik, Wasserrecycling und ein perfekter innerer Nährkreislauf. „Die Ressourcen, die wir zum Lebensunterhalt brauchen, werden auf Quartiersebene dezentral neu in Beziehung gesetzt“, sagt Hahn. „Das deutet bereits die neue Mobilität an: kurze Wege, Fahrrad- und Fußgängerbereiche, Frischemärkte, kleine Läden.“ Die lokale Ökonomie hat sich in Mikrostrukturen und der Kiezkultur durchgesetzt. In Wünsdorf sollen 80 Prozent des Gemüse- und Obstbedarfs in der Stadt produziert werden. Für Ekhart Hahn ist das „der Übergang ins postindustrielle Zeitalter“.

Noch wird in Wünsdorf nicht umgegraben und gebaut. Bald aber könnte es so weit sein.


Kommentare:

Anne Schmidt

Die Idee Herrn Hahns von der ökologischen Stadt in Wünsdorf erinnert mich an die Ökostadt Davis bei San Francisco und an die Aussteigerkolonie Eden bei Oranienburg, die Ende des 19. Jahrhunderts von Lilienthal aus Blockhohlsteinen errichtet wurde.
In der Zeit der Planung für ein neues Tempelhofer Feld teilten wir (Bürgerinitiative Flughafen Tempelhof) in einer der zahlreichen Pressekonferenzen der damaligen zuständigen Senatorin, Frau Junge-Reyer, mit, dass die Ökostadt Davis ein Vorbild für eine autofreie Siedlung auf dem Flughafen sein könne.
Leider gingen die späteren Planungen, die Volk sei`s gedankt, in einer Volksabstimmung abgelehnt wurden, völlig an diesen Visionen vorbei. Hätte die Utopie einer ökologischen, autarken kleinen Stadt zur Abstimmung gestanden, wäre das Ergebnis sicherlich anders ausgefallen.
Wünsdorf ist bahntechnisch gut an Berlin angebunden, aber sind die Altlasten aus Land und Wasser wirklich verschwunden? Die befürchteten Kosten für die Dekontaminierung des riesigen Militärareals bei Jüterbog haben die Entscheidungsträger und Lobbyisten Anfang der 1990er dazu bewogen, Schönefeld zum Standort für den Mammutflughafen BER zu küren.
Die Kosten, die bisher in Schönefeld und Umgebung entstanden sind, haben alle anderen wichtigen Problemfelder in Berlin in den Schatten gestellt. Die Brände vom letzten Jahr auf dem „Minenfeld” bei Jüterbog stellen ein weiteres Kapitel im Brandenburger Katastrophenarchiv dar.
Ich hoffe, dass Herr Hahn in der einstigen Bücherstadt Wünsdorf nur ein zurückgebliebenes Archiv und kein vergrabenes und versenktes Arsenal vorfindet. Vielleicht wäre es einfacher eine zweite Abstimmung zur Nutzung des
Tempelhofer Feldes herbeizuführen als in Wünsdorf Altlasten zu beseitigen.

Ewa Maria Slaska

Ach jej, Männer! Dieser Anspruch! ICH war der Erste, der Wichtigste! Noch nie in der Welt gab es so etwas, was ICH mir ausgedacht habe!
Wer verantwortet diese Alleinstellung-Ansprüche in dem obigen Text? Der Ekologe oder der Autor?
Anne Schmidt schreibt über Ökostadt Davis bei San Francisco und die Kolonie Eden bei Oranienburg. Ich habe hier auf diesem Blog mehrere Male über realisierten Utopien geschrieben. Vor allem über Silvio Gesell. Als Silvio Gesell, der übrigens auch zeitlang in der schon erwähnten Kolonie Eden wohnte, seine Teorie des „freien Geldes” veröffentlichte, entstanden in der ganzen Welt mehrere, meistens sehr erfolgreich wirtschaftende, Freie-Geld-Kommunen. Ich schrieb über Silvio HIER, HIER, HIER und HIER. Da er ein deutscher Autor ist, „polonisierte” und übersetzte ich seine Theorie in meine Sprache. Die deutschen Leser können ein Buch von Silvio Gesell über Wirtschaft mit dem Freien Geld HIER lesen.
Wichtiger ist aber, dass man – erfolgreich – versuchte die Gesellsche Theorien lebendig zu machen. In den 30ern gab es mehrere Städte, die es machten, am erfolgreichsten war die Stadt Wörgl in Österreich.

Die positiven Auswirkungen führten dazu, dass der Modellversuch in der Presse als das „Wunder von Wörgl“ gepriesen wurde. Das Interesse daran stieg derart, dass über hundert weitere Gemeinden im Umkreis von Wörgl dem Beispiel folgen wollten. Auch im Ausland und in Übersee fand die Aktion starke Beachtung und Nachahmer. Aus Frankreich reiste der Finanzminister und spätere Ministerpräsident Édouard Daladier nach Wörgl, und in den USA schlug der Wirtschaftswissenschaftler Irving Fisher der amerikanischen Regierung – wenn auch vergeblich – vor, ein Wörgl-ähnliches Geld mit dem Namen Stamp Scrip zur Überwindung der Wirtschaftskrise einzuführen.

Allerdings erhob die Oesterreichische Nationalbank gegen die Wörgler Freigeld-Aktion vor Gericht erfolgreich Einspruch, weil allein ihr das Recht auf Ausgabe von Münzen und Banknoten zustand. Das Experiment von Wörgl und alle weiteren Planungen wurden verboten. Nach Androhung von Armeeeinsatz beendete Wörgl das Experiment im September 1933.

Na, kann man sagen, dem neuen Visionär geht es nicht um Geld, sondern um, na ja, wie in jeder utopischen Narration – DIE RETTUNG DER WELT, die wie ein Wunder auf dem Sand wachsen wird.

Dazu kann ich nur sagen, der Sohn von Silvio Gesell, Carlos, baute die ganze grüne Stadt auf den Dünnen in Argentinien: Villa Gesell in der Mar de la Plata, wo nichts aber nichts wachsen wollte. Ich schrieb darüber HIER für meine polnische Leser. Der deutsche Leser kann viel über die Villa Gesell HIER erfaren. Auf dem Foto unten sieht man, wie Villa Gesell heute aussieht. Es wohnen dort im Winter ca. 30 Tausend Menschen, im Sommer wesentlich mehr, weil es ein Kurort ist.


Anne Schmidt
Mitbegründerin der aufgelösten BI Flughafen Tempelhof (BIFT)

Ewa Maria Slaska
Blogadministratorin und Utopistin

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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